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Während ich nach einer langen Dürrephase, die mich fast an meine Grenzen brachte, endlich im wohlverdienten Urlaub ankomme und fröhlich meine Urlaubsfotos mit Mister Camper poste, mischen sich mit einem Mal und ganz plötzlich mehr und mehr Bilder reißender Flüsse in winzigen Eifeldörfchen in meine sonst so gut sortierte Galerie. Erschreckende braune Wassermassen treiben Straßen hinab, in Hauseingänge hinein. Und obwohl der Almkäse eben noch so gut schmeckte, bleibt er mir mit jedem Statusupdate tiefer im Hals stecken.

Hochwasser – Kellerflutungen. Ich versuche mehr herauszufinden, lese von Evakuierungen im Raum Aachen. Meine Familie, die aus dem Raum Bad Neuenahr-Ahrweiler stammt, ist schon seit einigen Stunden im Feuerwehr-Dauereinsatz und meine Mutter berichtet von Menschen, die mit Hubschraubern gerettet werden müssen. Aus meiner Heimatstadt, dem mehr oder weniger wunderschönen Luftkurort Gemünd, höre ich jedoch weder etwas in den Nachrichten, noch von Freunden oder Bekannten.

Im Land der tausend Talsperren

Nach einer unruhigen Nacht, erreichen mich am nächsten Morgen erschreckende Bilder. Mein gesamter Heimatort ist überflutet. Land unter. Die Familie ruft über unbekannte Nummern an. Berichtet, dass das Gerücht herumgeht, dass eine der Talsperren zu brechen droht. Während ich im Allgäu sitze, watet meine Schwägerin mit einem schreienden Kleinkind auf dem Arm unter Todesangst durch knietiefe Wassermassen den Berg hinauf, um sich und ihre Familie zu retten. Wir erfahren, dass es keinen Strom gibt, kein Wasser, keinen Telefon- oder Internetempfang. Die Notrufnummern funktionieren nicht. Eine Kollegin vermisst ihren Partner, der von Wassermassen bei einer Rettungsaktion mitgerissen wurde. Immer mehr Bilder prasseln auf mich ein, während die Tränen sturzflutartig über mein Gesicht rinnen. Wir fahren Richtung Heimat, werden kontinuierlich von Feuerwehr-, Rettungswagen und THW-LKW’s überholt, die alle den selben Weg zu haben scheinen…

Die Straßen sind gesperrt, Zuwege durch Wassermassen blockiert.

Obwohl wir nichts lieber täten, als endlich zu Hause anzukommen, müssen wir uns eingestehen, dass dies vorerst nicht möglich sein wird. In den Nachrichten hören wir, dass Europas 2. größte Talsperre, die nur wenige Kilometer von meinem Zuhause entfernt liegt, diese Nacht überlaufen soll und nicht abzusehen sei, welche Folgen das mit sich brächte. Eine andere Talsperre, um die ich tagtäglich meine Runden drehe, sei bereits übergelaufen.

Unter Sirenengeschrei und Hubschrauber-Lärm stelle ich mich über Nacht auf das Schlimmste ein – Und finde ein einziges Schlachtfeld vor.

Mit Schaufel und wasserfesten Winterschuhen bewaffnet, gehe ich in Richtung Heimat-Stadt: zu unserem Mietshaus, unserer Firma, unseren Garagen. Auf dem Weg dorthin ziehe ich an Häusern vorbei, die mich beschämenderweise an Puppenhäuser erinnern – Fachwerkhäuser, deren komplette Hausfassade fehlt. Autos liegen kopfüber in Vorgärten, Gehwege sind bis unter die Abwasserleitung aufgerissen. Auf den Straßen steht eine Plörre, die nicht nur nach dem Inhalt eines Gülle Fasses aussieht, sondern auch so riecht. Vermengt mit dem Geruch von Heizöl und bunten Pfützen, die in den schönsten Regenbogenfarben schimmern.

In unserem Privathaus stehen nur wenige Zentimeter Wasser. Ein Schaden, der zwar lästig ist, weil Böden getauscht und Wände getrocknet, Gegenstände entsorgt und Räume renoviert werden müssen, allerdings nichts was Leib und Leben gefährden würde. Unser Mieter, der direkt an der Mündung wohnt, berichtet uns, dass er im letzten Moment aus dem 2.OG fliehen konnte. Nachdem die Wassermassen unaufhörlich stiegen, hat er sich das Nötigste gegriffen und ist mit seiner Partnerin zu Freunden geflüchtet. Ein Toter sei an einem Verkehrsschild vorbeigetrieben. Ein Motorradfahrer, der jemand anderem aus dem Auto helfen wollte, von den Wassermassen fortgetrieben.

Das Mietshaus stand bis 3 m oberhalb des Kellergewölbes unter Wasser. Ein Wohnmobil klemmte verkehrt herum in der Fassade, auf einem weiteren zerstörten Auto, das vom Geländer abgefangen wurde. Sämtliche Scheiben im Erdgeschoss sind geplatzt. Ein Massivholztisch hängt an einer Plastikleuchte an der Decke fest. Die Feuerwehr teilt uns mit, dass die Häuser in der Straße bis auf weiteres einsturzgefährdet sind.

Gleiches Bild zeigt sich an unseren Garagen. Das 2,70 m hohe Firmenlager war für einige Stunden komplett in den Wassermassen verschwunden. Das Gebäude und jegliches Inventar sind unbrauchbar geworden. Das Motorrad hinüber, der Steiger defekt. Die Nachricht, dass auch mein Klassenraum mit meinen selbst angeschafften Materialien, Möbelstücken und Unterlagen einige Zentimeter im Wasser stand, ringt mir nur noch ein trauriges Lächeln ab.

Traktoren mit Müll und kaputten Autos ziehen durch die Straßen und türmen einen riesigen Müllberg auf. Das Militär riegelt die Stadt für Rettungskräfte und Maschinen ab. Ein bisschen fühle ich mich wie in alten Kriegsfilmen, während ich mich zwischen zerstörten Häuserzeilen und röhrenden LKW’s mit Besen und Schneeschüppe vorankämpfe.

Helferwelle

Unsere Stadt erreicht eine gigantische Helferwelle. Während ich selber bis zum Hintern im (wie ich hoffe) Matsche stehe, sind plötzlich acht weitere unbekannte Menschen an meiner Seite, haben Pumpen dabei und schüppen Wände, Kleider und Kartons aus dem Haus. Menschen, die vom Hochwasser verschont geblieben sind, bieten Schlafplätze, eine warme Dusche oder auch Kaffee und selbstgemachtes Essen an, das sie mit Bollerwagen durch die Straßen ziehen.

Der Zusammenhalt ist nie dagewesen und nun doch spürbar

Das Rote Kreuz gibt zu festen Zeiten Mahlzeiten aus, Landwirte sind mit schweren Maschinen vor Ort und räumen Wege frei.

Mich erreichen zahlreiche Anfragen bzgl. Sach- oder Geldspenden. Und so dankbar ich doch bin, so wenig weiß ich selber auszurichten. Gestandene Männer kämpfen mit den Tränen, während sie mir erzählen, dass sie alles verloren haben – Sich nicht trauen, ihr Haus zu betreten, das bis zum Dach unter Wasser stand.

Ein Pärchen in meinem Alter berichtet, dass sie nicht mehr evakuiert werden konnten und sich im Obergeschoss verbarrikadiert haben, während das Wasser sekündlich stieg. Ein Auto wurde immer wieder gegen ihr Haus gespült, in dem sie weder nach unten, noch nach oben flüchten konnten. So kauerten sie dort und hofften in der finsteren Nacht, dass die Wände ihres Hauses halten mögen. Einer ihrer Nachbarn saß auf einem Schrank, da es für ihn im Bungalow keine andere Möglichkeit gab, sich zu retten. Ein weiterer Nachbar sei ertrunken.

Bei jedem Gang durch die Stadt trifft man unzählige Menschen, die bis spät in der Nacht Schlamm wegkehren, Sofas, Küchen und Waschmaschinen hinaustragen. Mit glasigen Augen erzählen sie, wie Wassermassen in den Keller eindrangen und durch das Erdgeschoss wieder ausgespült wurden.

Die Menschen stehen unter Schock. Wollen aktuell keine Kleidung oder Sachspenden annehmen. Die Helferwelle hilft unglaublich viel und zeigt, dass man nicht alleine ist. Und doch haben viele genau das verloren, das man nicht ersetzen kann: ihr Zuhause, ihre Firma, ihre Nachbarn und geliebten Menschen.

Schattenseitenmenschen.

Touristen-Welle – Während man im Ahrtal schon viel früher von Menschen hörte, die nach dem Weg „zu diesem Hochwasser aus dem Fernseh“ gefragt haben, erreicht nun auch unseren kleinen Kurort diese Art Menschen, die auf einsturzgefährdeten Brücken Selfies machen, die filmend mit ihrem Rennrad durch die Straßen fahren und fotografieren, wie man in Kisten und Kästen ganze Existenzen hinausträgt. Touristen, die man anspricht, dass sie doch bitte ihr Handy wegpacken und sich gerne auch eine Schaufel nehmen können, rotzen einem entgegen, dass sie sich ganz bestimmt nicht dreckig machen werden. Immer wieder blicken wir auf und in Kameras, die die Frontale auf weinende Menschen richten und sich lauthals freuen, wenn zerstörte Autos aus dem Wasser gezogen werden, weil das bestimmt gute Bilder abgeben wird.

Manchmal sind solche Dinge zwar nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Aber selbst ein Tropfen kann so manche Talsperre zum Überlaufen bringen.

Danke an alle Helfer und jene, die Hilfe anbieten. Ihr seid großartig.

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Flutkatastrophe in meiner Heimat – eine Welt in Trümmern

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18 Gedanken zu „Flutkatastrophe in meiner Heimat – eine Welt in Trümmern

  1. Grausam. mehr kann man da leider nicht sagen. Aber Danke für den Einblick.

    Was man da jetzt sagen soll weiß ich nicht… 🥺

    LG Marco

    Passt auf euch und eure Lieben auf.

  2. Ich musste das jetzt erstmal eine Stunde sacken lassen. Aus der „Ferne“ ist das alles so surreal. Ich wünsche dir, deinen Lieben, Familie und Freunden ganz viel Kraft für die nächste Zeit.
    LG
    Patrick

    1. Dankeschön für die lieben Worte. Ich kenne zum Glück bisher auch nur die andere Seite, in der einem das alles so fremd erscheint. Und obwohl ich nicht wirklich schlimm betroffen bin, es Gebiete gibt, in denen das Leid noch größer ist und jedes kleine Schicksal für jeden etwas anderes bedeutet, war es mir einfach wichtig, das in Worte zu fassen was mich umgibt. Danke für deine Anteilnahme

  3. Ich danke Dir für diesen persönlichen Einblick in die Situation vor Ort.Es ist einfach unfassbar und schrecklich. Ich wünsche Dir und Deiner Familie viel Kraft und alles Gute für die kommende Zeit.

    LG

    Frank

  4. Super traurige Zeilen.. ein wahrer Einblick in unsere leider völlig zerstörte Heimat. Fühlt euch gedrückt und passt gut auf euch auf.

  5. DeinenZeilen bedrücken mich. Wir waren in den letzten Jahren oft in der Eifel, an der Ahr…
    Die vielen Menschen, die ums Leben gekommen sind, mein Wutanfall, als Laschet am Samstag gefeixt und gelacht hat. All die Zerstörung und die bedrohten wirtschaftlichen Existenzen. Das wirkt alles sehr unwirklich aus der Ferne.
    In unserem Städtchen im Bergischen Land sieht es ähnlich aus. Nicht so schlimm wie bei Euch, bei Weitem nicht. Es hat keine Toten gegeben, nur überflutete Häuser.
    Wir waren da auch schon im Urlaub und wussten unser Haus oben auf dem Berg in Sicherheit. Mein erster Impuls war es, allein nach Hause zu fahren und anzupacken. Davon hat man mich dann kollektiv abgehalten und so kümmere ich mich nun seit Donnerstag um das Back-Office der Hilfsaktion unserer Kirchengemeinde. Spendenaktion aufsetzen und in den sozialen Medien verbreiten, Spender und Bedürftige zusammenbringen, ganz viele Fragen klären, die Menschen stellen, irgendwelche Dinge besorgen, die dringend benötigt werden, eine unendliche Reihe von Telefonaten…
    So kann man wenigstens aus der Ferne helfen. Und hier funktioniert eben auch Telefon und Internet problemlos.
    Ich wünsche Euch Kraft und Zuversicht und die Energie, einfach weiterzumachen.

    1. Danke lieber Michael. Es gibt keine schlimmen und weniger schlimmen Gebiete. Jedes Schicksal bedeutet etwas anderes, auch wenn man es selber nicht so wahrnimmt. Danke für all das, was du leistest. Es bedeutet so viel zu wissen, dass man nicht alleine ist, dass sich jemand kümmert. Ein riesengroßes Danke dafür

  6. Guter Artikel zu einer schrecklichen Katastrophe. Ich wünsche mir, dass es keine weiteren Toten mehr gibt und dass die Überlebenden genug Mut und Kraft haben um alles wieder aufzubauen.

  7. Liebe Eifelsportlerin, dein Bericht hat mich sehr bewegt. Ich hoffe nur das am Ende die Worte dere die was zu sagen haben nicht verpuffen wie ein Knallfrosch an Silvester. Weiter hoffe ich das es Menschen geben wird die eure Begleiter werden, die euch ( ich finde kein besser Wort) helfen werden das gesehene zu verarbeiten, euch Trost spenden und eine Schulter anbieten. Denen die euch heimsuchen um die Katastrophe auszunutzen wünsche ich juckende Hautausschlag an Stellen wo sie nicht kratzen können. Allen Betroffenen wünsche ich viel Kraft. Danke für deinen Eindruck

    1. Hallo lieber Richard,
      danke für deine Worte. Oft werden eben die leisen von den lauten übertönt, aber momentan packt jeder mit an, wo er nur helfen kann. Es wäre toll, wenn das einfach weiterhin so bleibt. Dann ist niemand alleine.
      Viele liebe Grüße und danke fürs Lesen,
      Sara

  8. Liebe Sara,

    selten habe ich einen Artikel mit so viel Ergriffenheit gelesen, wie diesen hier. Ich danke dir für den Einblick in dein Seelenleben und die faszinierend-erschreckenden Eindrücke, die du uns hier bietest…
    Ich hoffe, du, deine Familie, Freunde und alle anderen Betroffenen können möglichst bald wieder ein Stück „Normalität“ erlangen, wobei dieses Wort an sich in der heutigen Zeit fast schon absurd klingt.

    Viel Kraft, viel Mut und alles erdenklich Gute,
    Marco

    1. Lieber Marco,

      danke für deinen wunderschönen Kommentar und deine Anteilnahme. Das bedeutet mir wirklich sehr viel. Auch wenn man hier Tag für Tag die Straßen entlang geht, kann man noch nicht richtig realisieren, was passiert ist, wie verheerend die Auswirkungen waren. Aber irgendwann wird sich auch hier die Welt wieder ganz normal weiterdrehen.

      Viele Grüße, Sara

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