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Mühsam schleppe ich mich voran. Der Berg scheint kein Ende zu nehmen und ich quetsche mich an schroffen Steinwänden vorbei, die die einzige Grenze zwischen mir und dem klaffenden Abgrund bilden. Zehn Kilogramm standen in der Ausschreibung… zehn!

Und meine acht Kilogramm Gepäck drücken mich jetzt schon bleischwer in den Boden. Ich schiebe den Gedanken beiseite, ob die Jeans im Rucksack wirklich notwendig gewesen wäre und blicke sehnsüchtig gen Himmel. Die Schweißperlen rinnen mir in die Augen, während der Gipfel Meter für Meter unter meinen dicken Schuhsohlen näher rückt…

Wir schreiben das Jahr 2019. Das Abenteuer ruft nach mir – und ich rufe zurück. Schon lange reizt es mich die berühmt berüchtigte Alpenüberquerung von Oberstdorf nach Meran zu machen, bis zu dem Tag, an dem ich ein wenig im Worldwideweb herumschnüffle:

„Total überlaufen, Gruppen müssen zu unterschiedlichen Zeiten starten, damit es nicht zu voll wird, alle Hütten ausgebucht, Touriwanderung“ steht dort in Schwarz auf Bildschirmflackern geschrieben.

Also keine Alpenüberquerung für mich!

Stattdessen bleibe ich bei der Lechquell-Durchquerung im Kleinwalsertal hängen: 6 Tage – 5 Übernachtungen. Einsame Bergwege, kristallklare Bergseen, sanfte Grasberge und schroffe Felswände heißt es dort. Das klingt schon eher nach mir und einem Mini-Abenteuer. Und da eine Wandergruppe bei meinem äußerst ausgeprägten Desorientierungssinn bestimmt nicht von Nachteil ist, finde ich mich schneller als gedacht am Startpunkt einer spannenden Reise wieder.

Ich packe meinen Koffer und nehme mit…

In der Ausschreibung heißt es, dass der Rucksack nicht schwerer als 10 Kilogramm sein sollte und ich vor einem riesigen Fragezeichen. Mein Gepäck auf 10 kg zu reduzieren sollte nicht das Problem sein. Wofür gibt es schließlich Miniröcke und Minitops. Aber wer soll bitte den ganzen Tag mit 10kg auf dem Rücken spazieren gehen – oder anders ausgedrückt: Wer wird das um Himmels Willen für mich tragen?

Also beschränke ich mich auf das nötigste: Shampoo, Duschbad, Sonnencreme, Regenjacke, Jeans, Schlafsachen, Hüttenschlafsack, Hüttenschuhe, Unterwäsche, Getränke, Müsliriegel, Wandersachen. Jetzt noch alles 5 mal umpacken und fertig ist der Rucksack. 8 kg – Punktlandung.

Sonntag, 14.00 Uhr – Nebelsuppe. Unter regenhaften Voraussetzungen und mit meinem perfekt gepackten, prallgefüllten Rucksack treffe ich meine Wandergruppe für die nächsten Tage. Gepäckkontrolle. Bustransfer. Nach kurzem Beschnuppern, so lange wir im wahrsten Sinne des Wortes noch frisch sind, starten wir endlich voller Freude auf unsere erste Etappe:

Berghotel Körbersee (850 hm Aufstieg – 350 hm Abstieg)

Wild erzählend gehen die ersten Meter schnell vorbei und wir dürfen sogar für den ersten Aufstieg unsere Rucksäcke abgeben. Ziemlich erleichtert schleppen wir uns einen malerischen und vor allem matschigen Trampelpfad hinauf, reden viel und lachen noch mehr. Meine Gruppe besteht aus zwei Frauen, meinem „ich warte oben auf dich“, einem Vater-Tochter-Gespann, das sich später als Pärchen herausstellen wird und unserem Bergführer Lui.

Nach einer kurzen Rast in einer kleinen Hütte, die Schlafzimmer, Wohnzimmer und Gaststube zugleich ist, geht es frisch gestärkt weiter den schmalen Pfad entlang. Kurz darauf kreuzen wir die Wettkampfstrecke der Teilnehmer der Walsertrailchallenge, die just an diesem Wochenende stattfindet und bei der sich die Trailläufer von Regen und Nebel durchnässt ihre letzten Meter durch die Berge bahnen. Noch vollkommen fasziniert von diesen Zauberwesen, geht es für uns weiter – mit Sack und Pack den Berg hinab. Getarnt als wundersame Rutschpartie, bei der ich manchen Meter schneller zurücklege als mir lieb ist, markiere ich direkt mal meine Hose mit einem schicken Schlammmuster und freue mich schon darauf, es die nächsten Tage stolz tragen zu dürfen. Schwarz-bunt kann ja jeder.

Frühtau zu Berge…

Tag 2 – Von Schröcken zur Bieberacher Hütte 900 hm Aufstieg, 600 hm Abstieg

Nach der letzten warmen Dusche für die nächsten Tage, starten wir im Morgengrauen zur zweiten Etappe.

Der Himmel ist von einem zarten Regengrau überzogen, die Wege von Wasser überspült und die Aussicht nicht vorhanden. Da wir das Pärchen an einem sicheren Punkt abgeben müssen, da sich die Dame erkältet fühlt, wandern wir ins Tal hab. Innerlich murrend und knurrend folgen wir der nicht enden wollenden Fahrstraße nach unten, nur um nach erfolgreicher Ablage am Abgabeort einer breiten Spur den Berg hinauf zu folgen. So hatte ich mir das eigentlich nicht vorgestellt. Der Rucksack drückt bleischwer auf meinen Nacken, meine Oberschenkel pochen heiß und ich rutsche immer wieder auf dem losen Kies der Straße weg.

Ich atme tief ein. Versuche alle meine bösen Gedanken beiseite zu schieben.

Ich betrachte die Berghänge, die sich immer wieder im dichten Nebel auftun, folge mit den Augen Wassermassen, die den Berg hinuntertosen und horche in die Stille hinein. Um mich herum ist alles leise und auch innerlich kehrt langsam die friedliche Ruhe zurück. Ich rieche den Duft von Nadeln, Gräsern und warmer Erde – spüre den zarten Sprühregen auf meiner Haut. In Serpentinen führt der Weg stetig bergauf und in mein regennasses Gesicht mischen sich langsam aber sicher Schweißperlen, die mir die Wangen hinunterlaufen.

Die Fahrspur wird stetig schmaler und endet schließlich in einem wunderschönen Wanderpfad. Ich grinse in mich hinein, während ich über Felsen klettere und Steinwände mit meinem Rucksack streife. Viel zu schnell kommt die Hütte näher, die wir heute früher erreichen, als eigentlich geplant gewesen wäre.

Das ist ja wohl der Gipfel!

Mit viel Kaffee und noch mehr Apfelstrudel im Bauch, machen wir uns ganz ohne Gepäck nachmittags auf den Weg zur Künzelspitze (2370m). In zügigen Tempo hüpfen wir uns die Felsen hinauf, kämpfen uns durch trockene Äste hindurch und krackseln schweißbedeckt den Berg hinauf. Immer wieder lasse ich den Blick schweifen und versuche im dichten Nebel andere Bergkämme auszumachen – doch vergebens. So bleibt mein Blick stur auf den Weg gerichtet und ich folge den Schuhsohlen, die sich immer schneller zu entfernen scheinen.

Mein Knie beginnt immer wieder zu picksen und ich hetze mehr schlecht als recht den anderen hinterher. Ich klettere durch seilgesicherte Passagen hindurch und jauchze laut auf. Mit dem Kopf eines Äffchens und dem körperlichen Geschick eines Nilpferdes winde ich mich mehr oder weniger geschickt durch die schmalen Felsspalten. Oben angekommen überzieht ein breites Grinsen mein Gesicht.

Gipfelglück.

In mir breitet sich eine große Freude aus – Ich bin angekommen. Zuhause. Und bin gespannt auf die nächsten Abenteuer …Noch nicht ahnend, dass dieses beinahe mein letztes gewesen wäre.

Fortsetzung folgt…

*enthält unbezahlte Werbung und persönliche Empfehlungen

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Die Lechquell-Durchquerung – eine Hüttentour im Kleinwalsertal (Teil 1)

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