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Tag 3 von der unteren und oberen Alpschelle zur Göppinger Hütte (1100 hm Aufstieg – 500 hm Abstieg)

Nach eiskalter Dusche und regem Hüttentreiben begrüßt uns der neue Tag mit ta-da… Nebel. Durch Kuhweiden und tiefe Matschlöcher, die mir fast die Schuhe von den Socken reißen, schlittern wir im frühen Morgengrauen über Blumenwiesen den Berg hinunter.

Der Nebel weicht dem Tag, der Tag weicht dem Berg.

Ich spüre die schwache Sonne auf meiner Haut – kann Berghänge ausmachen. Eingenommen von der wunderschönen Hügellandschaft bleibe ich immer wieder stehen und lächle tief in mich hinein.

Es geht wieder den Berg hinauf. Anstieg – klingt fast wie Anpfiff und ist in meinen Ohren mindestens genau so schmerzhaft. In meinen Oberschenkeln lodert das Feuer der letzten Tage und mit jedem Schritt fällt es mir schwerer, meine Füße vom Boden zu lösen. Jetzt verstehe ich auch, warum Schildkröten so langsam sind. Als uraltes Kriechtier getarnt, drücke ich mich mit meinem tonnenschweren Panzer an scharfen Felsnasen vorbei und kracksel den Berg hinauf. Kein Wunder, dass man so selten Schildkröten in den Bergen findet. Ich atme tief ein.

Neben mir tut sich ein Abgrund auf, der jeden falschen Schritt bestrafen würde. Ich lasse die Klippen-Hänge auf mich wirken und bin mit meinen Gedanken ganz bei mir. An einigen Felsen vorbei, mündet der Pfad schließlich auf einer großen, grünen Wiese.

Sonnenstrahlen tanzen auf meiner Nasenspitze und ich würde am liebsten vor lauter Freude mittanzen. Noch kurz ein Schneefeld kreuzen und schon können wir die Umrisse unseres heutigen Etappenziels ausmachen: Die Göppingerhütte.

Eine Hütte wie sie im Buche steht – einem großen Buche.

Unten mit Schuhraum, Speisesaal und Trockentoilette (auch Plumpsklo genannt) ausgestattet, sind oben die Mehrbettschlafräume und Waschgelegenheiten zu finden, was wiederum so viel heißt wie: 4 Waschbecken mit kaltem Wasser und mindestens 10 mit Waschlappen (die aus Stoff, nicht die zum Gepäck tragen) ausstaffierten Frauen, die sich zeitgleich waschen möchten. Während man in der am wenigsten stinkenden Kleidung im Liegestuhl zwischen Bergkämmen in der Sonne brutzelt und sich frisch gebackenen warmen Apfelstrudel zu Gemüte führt, wehen im Hintergrund graue Socken und von Hand gewaschene Unterhosen zwischen bunt bemalten Fensterläden.

Nach meiner täglichen Apfelstrudeldosis machen wir uns ohne Gepäck zu zweit auf zur Hochlichtspitze.

Ein wahres Äffchenparadies.

Über Felsnasen, durch schmale Spalten und einem netten kleinen Grat kurz vor dem Gipfel, zerspringt mein Herz fast vor Freude, während ich mich einer Aussicht näher, die selbst meinen trommelnden Herzschlag kurz zur Ruhe kommen lässt: Atemberaubend schön.

Tag 4: Über das Johannisjoch zur Freiburger Hütte (400 hm Aufstieg, 750 hm Abstieg)

Mittlerweile bin ich mir ziemlich sicher, dass es in den Bergen keinen Sonnenaufgang gibt, sondern nur so etwas wie einen Nebelaufgang. So starten wir am nächsten Morgen pünktlich um 8.00 Uhr in das nächste Abenteuer- das fast zu meinem Verhängnis geworden wäre…

Nach kurzer Abfrage, ob wir lieber über den Berg im Schnee wandern wollen oder durchs Tal – klare Sache – machen wir uns mit aufgespannten Regenschirmen auf die Reise durch den Schnee. Obwohl ich mir vorkomme, wie ein Spaziergänger im alpinen Gebirge, hat sich schon am ersten Tag das Wandern mit Regenschirm als angenehmer herausgestellt, als ständig Regentropfen aus den Augenwinkeln wischen zu müssen.

Vor und unter uns türmen sich riesige Schneemassen auf. Unser Bergführer stapft durch scheinbar unberührte Schneefelder vor, tritt uns kleine Mulden in die vereisten Hänge und wir versuchen möglichst präzise den Spuren zu folgen. Ab und zu versuchen die coolen Kids wie auf einem Snowboard die kurzen steilen Abschnitte hinabzusausen, nur um auf dem eh schon nassen Hintern zu landen und keinen besseren Anblick abzugeben, als die „Hinternrutscher“. Nebel überzieht die Schneefelder und um uns herum ist kein Laut zu hören. Wie in einer anderen Welt ziehen wir Schritt für Schritt weiter.

Froh darüber, keine lange Hose angezogen zu haben, die mittlerweile vermutlich von Feuchte durchzogen wäre, lassen wir bald den Schnee hinter uns und wandern über rutschige Steinwege und durch tiefe Matschlöcher weiter. Regenschirm auf – Regenschirm zu.

Der Rest der Gruppe ist mittlerweile ein gutes Stück voraus gewandert, und ich möchte nur schnell um die Kurve gehen, da passiert es.

Der schmale Weg ist von Schnee verschüttet und ich mache einen flotten Schritt über das Eis. Zack. Mit einem Tritt rutsche ich weg. Sekundenschnell. Es geht abwärts. Ich versuche mich ganz breit zu machen. Halt zu finden. Schlage meine Füße und Hände in die Steine. Suche einen Pack-an.

Finde Halt.

Meine Unterarme krallen sich in den Schnee auf dem Weg, meine Füße stemmen sich fest in die Felswand 2 m unterhalb des Weges. Halb kletternd, halb am Rucksack nach oben gezogen, komme ich wieder zum Stehen. Bin mir nicht sicher, was gerade passiert ist. Ich schaue nach unten. Neben dem Weg fällt der Hang in Geröll und Schnee steil den Berg hinab und ich vor wenigen Augenblicken fast mit ihm. Desorientiert und mit Pudding in den Beinen gehe ich wie in einem Film weiter. Mein Herz klopft bis zum Hals. Ich bewege mich wie in einem Traum. Schaue immer wieder ängstlich zu dem Gletscher zurück.

Wie auf rohen Eiern folge ich dem Weg und der Gruppe, die sich mittlerweile schon ein gutes Stück entfernt hat. Fast wäre alles vorbei gewesen. Mit klopfendem Herzen schließen wir zu den anderen auf. Ich gehe wie in Trance weiter – Bis wir kurze Zeit darauf eine Kletterpassage erreichen.

Nasse in den Fels geschlagene Metalltritte trennen uns von der anderen Seite des Berges – darunter gähnende Leere. Was mich normalerweise innerlich Strahlen lässt und mein inneres Äffchen weckt, wird nun zum unüberwindlichen Hindernis. Ich werde ganz sicher wieder wegrutschen. Ich mache einen Schritt auf den Abgrund zu, nur um wieder zurück zu gehen. Traue mich nicht vor und nicht zurück.

Unsicher was zutun ist, stehe ich dort und überlege, für wie viele Stunden meine Müsliriegel wohl ausreichen werden.

Fortsetzung folgt …

*enthält unbezahlte Werbung und persönliche Empfehlungen

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Die Lechquell-Durchquerung – eine Hüttentour im Kleinwalsertal (Teil 2)

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4 Gedanken zu „Die Lechquell-Durchquerung – eine Hüttentour im Kleinwalsertal (Teil 2)

  1. Ich kann das insofern ein wenig nachvollziehen wie es dir dabei erging, als dass ich im Winter bei Ski fahren im Nebel mal von der Piste abgekommen bin und einen Abhang runter gestürzt bin 🙈. Zum Glück auch nichts passiert, aber der Pudding und die Angst danach verstehe ich total.

    1. Oh, das klingt aber auch ziemlich gefährlich. Zum Glück ist dir damals nichts schlimmeres passiert 😯. Manchmal rutscht man einfach schneller in so Situationen, als einem lieb wäre… Im wahrsten Sinne des Wortes 🙈.
      Vielen Dank für deinen Beitrag 😀

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