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„6.05 Uhr – Die Biberpatrouille schwärmt aus, um die Tiere beim Bauen der Burg zu beobachten. Nach kurzer Zeit kehrt die Patrouille deprimiert ins Camp zurück. Wieder keine Biber – wieder schlechtes Wetter.

7.30 Uhr Wildgänsegeschrei. Die sieht man auch überall. Da fragt man sich, warum das keine Biber sein können“ [Auszug Schwedentagebuch 2011]

Tag fünf auf offenem Gewässer – Schleuse in Sicht

Der nächste Morgen erwartet uns mit einer dichten Nebeldecke. Nach unserem täglich Brot bestehend aus mittlerweile sehr trockenen Stullen, Pumpernickel und den letzten Resten Erdbeermarmelade steht uns heute eine der längsten Etappen bevor, gepaart mit den ersten beiden Schleusenfahrten und menschlicher Zivilisation.

Doch trotz rosiger Aussichten fällt es uns schwer in See zu stechen, geschweigedenn beim Ablegen das eiskalte Wasser mit dem Fuß zu berühren.

In dicke Pullover gehüllt, steche ich mit meinem Paddel in die glasklare Oberfläche und lasse die Insel bald hinter mir. Mit kräftigen Zügen ziehe ich an Felsen und Wäldern vorbei – höre nur das sanfte Gurgeln des blaulilagrünen Wassers. Nach etwa zwei Stunden reißt die Wolkendecke auf und ich mir den Pullover vom Leib. Die erste Schleuse liegt vor uns.

Sesam öffne dich!

Mit pochendem Herzen gleitet unser Kanu lautlos in die große Kammer, die uns zwei Stufen nach unten führen wird. Wir treiben von links nach rechts, von vorne nach hinten, bis wir schließlich den Slussvakt (Schleusenwärter) entdecken. Zahlen halsabschneiderische 90 SEK (ca. 9 Euro) und warten – Auf ein weiteres Kanu das noch kommen könnte. Oder aber auch nicht kommen könnte. Hauptsache wir haben gewartet. Auf bunten Hinweisschildern erfahren wir, dass wir die Seile festhalten müssen, die an der Wand hinab hängen. Nach 45 min erscheint schließlich doch ein weiteres Kanu und die wilde Fahrt beginnt.

Langsam sinkt das Kanu mit dem fallenden Pegel nach unten.

Zumindest ein Teil des Kanus.

Der andere Teil des Kanus bleibt in der Luft verharren.

Während ich-lenke-hinten mit seinem Teil des Kanus Wasserkontakt hält, schwebt der vordere Teil der Dole mit immer größeren Abstand in der Luft. Was nicht etwa an meinem elfengleichen Gewicht läge, sondern vielmehr an der unebenen Fels-Schleusenwand, an der sich mein Teil des Bootes aufgebockt hat. Was ich jedoch erst viel zu spät bemerke, da ich die Zeit nutzen wollte, um mir meine Haare zu richten…

Langsam aber sicher beginnt das Kanu zu kippen. Zu allem Überfluss ist das Seil von ich-lenke-hinten auf halbem Abwärtsweg zu Ende und damit jegliche Kontrolle über das Kanu verloren. Mittlerweile aus meiner Loreley-Starre erwacht, greife auch ich mir hektisch das Paddel – Stemme es mit aller Kraft gegen die Wand. Doch mit jeder Sekunde gerät das Kanu weiter in Schieflage. Panik steigt auf.

Wir drücken erneut mit vereinten Kräften gegen die Mauerwand. Und endlich bewegt sich ein Teil des Bootes. Mit einem lauten Platschen schlägt die Aluschale auf dem unruhigen Wasser auf. Wellen schwappen rechts und links, während ich todesmutig das Seil greife. Als das Tor schließlich vor mir geöffnet wird und das Rauschen des Wassers ein Ende hat, spüre ich es noch mit jeder Faser meines Körper nach. Und bin nur wenig erfreut, nun in die nächste Staustufe zu fahren.

Guten Tag, mein Name ist Wind. Gegenwind.

Mit jedem See ändert sich die Landschaft, die Aussicht, die Strömungen. Und manchmal leider auch die Windrichtung. Bei Windböen des Todes kämpfen wir gegen aufpeitschende Wellen und immergrößer werdenden Hunger an, bis wir endlich nach fünf Tagen den ersten Tante Emma Laden der Reise erreichen.

In einem Seesack haben wir genug Tütenmahl-Vorräte für zwei Wochen Fahrzeit. Trinkwasser schöpfen wir aus den Seen direkt in unsere Flaschen ab. Zum Frühstück haben wir einen Laib Brot, der sich jedoch nur wenige Tage hält und aufgrund von Platzknappheit ist auch der Schokoladenvorrat stark eingeschränkt. Umso wichtiger ist es also für mich, alle Jubeljahre einen schwedischen „Supermarkt“, der manchmal kaum größer als ein Tankstellengebäude ist, aufzusuchen, um das leicht süßliche Brot, Marmelade und Kanelschnecken zu kaufen, die stark rationiert werden.

Pausetage an Land

„Tag sechs: Nix passiert … Zumindest nicht auf See, denn heute ist paddelfreier Tag. Endlich einmal ausschlafen und erst gegen halb 10 aufstehen. Wasser kochen, Frühstück machen, Zähne im See putzen und spülen. Hierbei bemerkten wir den starken Wind und waren froh um unseren freien Tag“ (Auszug Schwedentagebuch 2011)

Schleusen olé

Tag sieben – Nachdem unsere treue D20 über und über mit Krims und Krams beladen ist, stoßen wir bei Sonnenschein und leichtem Rückenwind in See. Und erkennen „unser Schweden“ kaum wieder. Hinter der Schleuse in Bengtsfors tummeln sich Kanutouristen und die roten Boote und Zelte bevölkern jeden Winkel des Waldes. Auch hinter der zweitgrößten Schleuse in Lennartsfors sieht die Welt nicht anders aus. Auch wenn mir das Bergaufschleusen gehörig den Kopf freigepustet hat

„Der Slussvakt dirigiert uns diesmal zum hinteren Ende der Kammer und rät uns dazu, uns gut festzuhalten. Hinter uns fällt krachend das Tor zu. Kurz darauf öffnet sich der Zulauf vor uns. Wassermassen über Wassermassen schießen auf uns zu und wir steigen rasant unter großem Schaukeln.“ (Auszug Schwedentagebuch 2011)

Fröhlich winkend entlässt uns der Slussvakt in den Dalsland-Kanal Richtung Foxen. An hölzernen Stegen, die in grobe Felsen gehauen sind, vorbei, machen wir uns auf die Schlafplatzsuche.

Vogelschutzgebiet – Camping Verboten-Schild:

Die Schlafplatzsuche gestaltet sich hier schwieriger als gedacht.

Die Tage ziehen ins Land, die Landschaft vorbei. Mal waldiger, mal felsiger genieße ich die klaren Seen, die einsamen Momente, den Himmel, der sich unter und über mir auftut.

Ich mache weder mit Elchen, noch Bibern Bekanntschaft. Dafür aber mit einem netten Berliner Pärchen, dass ein bisschen fehl in der Wildnis scheint. Bei Lagerfeuer und Stockbrot berichten sie von den alltäglichen Problemen des Lebens, Tourenplanungen zum nächsten Müllcontainer und Wasseraufwärmideen mithilfe eines Eimers und Sonne. Mit lieben Worten und einem netten Lächeln endet ein letzter Abend, der anders war, als so viele davor.

Tag elf – die letzte Etappe beginnt

Im Morgengrauen starten wir nach einer Kopfübernacht zu unserer letzten Tour. Nach kurzem warmgepaddel, steht uns heute ein langes Umtragestück bevor…

„7 km Umtragen – alleine bei dem Gedanken wird mir schon flau im Magen. Natürlich geht es bergauf. Ganze 4 km über eine Hauptstraße. Bei Hupkonzert und LKW-Abgasen lässt uns nur die Aussicht auf eine heiße Dusche die Strapazen durchstehen. Klitschnass und mit beinahe leeren Trinkflaschen erreichen wir den Gipfel. Nach einer kurzen Verschnaufpause, geht es wie mit einer Seifenkiste den Berg hinab. Das Bremsen ist zumindest genauso schwer“ (Auszug Schwedentagebuch 2011)

Nach einem strammen Marsch und einigen Einsetzproblemen im nächsten See, treibt unser Kanu schließlich dem Camp entgegen. Mit einem Kopf voller Erinnerungen und erschöpft bis hinter die Ohren kann ich es kaum erwarten, das warme Wasser auf meiner Haut zu spüren – Und ein letztes Mal die Segel zu hissen.

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Kanuwandern in Schweden (Teil 2)

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2 Gedanken zu „Kanuwandern in Schweden (Teil 2)

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