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Aufgeregt stehe ich im Startblock – blicke auf die Uhr, die unerbitterlich hinunterläuft. In der Brust spüre ich das vertraute Klopfen, das dem wilden Galoppieren eines ungestümen Pferdes gleicht. Und das im Sekundentakt stärker zu werden scheint. Ich blicke mich um: Sehe in die freudigen Gesichter neben mir und erkenne mich in ihrem Blick, ihrer Anspannung und Vorfreude. Alles ist so gleich und doch so anders. Wie mechanisch befühle ich mein Handgelenk, an dem sonst meine Laufuhr auf mein Kommando wartet. Doch ich spüre dort nur Handschuhe auf Haut.

Wie in einem Film dringt der Countdown der letzten Sekunden zu mir durch. Er hallt in meinem Kopf wider, wie ein Kanonenschuss auf einem Piratenboot. Ich klicke mich ein und starte den Radcomputer. Es ist soweit – mein erstes kleines Gravelrennen beginnt.

3 Rides Festival in Aachen

3 Tage – 3 Länder – 3 Challenges. Das im Jahr 2022 zum ersten Mal stattfindende Radfestival lädt fahrradbegeisterte Menschen aus allen Ecken und Enden ein, gemeinsam eine riesige Party zu feiern. Auf dem großen Chio-Gelände in Aachen, das eigentlich als Hotspot für Reit-Turniere gilt, finden an diesem Wochenende nicht nur diverse Fahrrad-Aussteller Platz, sondern sich auch genügend Möglichkeiten, um Lastenräder probezufahren, Radmodelle zu bestaunen oder auch einfach lässig auf dem Festivalgelände wie auf den Laufstegen dieser Welt vorzufahren. Mehr Informationen unter: 3Rides Festival – Das Fahrrad-Festival im Dreiländereck (3rides-festival.com)

Auf einer Bühne finden örtliche Bands, Buchlesungen, aber auch Radinterviews wie etwa mit dem Hauptact Jonas Deichmann starr und ich mich mit einem Mal reichlich fehl am Platz.

Opa, wo fährst du hin?

Zum Friedhof.

Und wer holt dann das Rad wieder ab?

Die Rudeljagd beginnt

Zusammen mit 25 anderen Radmenschen meiner Startzeit, die zum Großteil männlicher Natur sind, folge ich dem Track, der mich wild nach links und rechts abbiegen lässt. Während der innere Orientierungsmonk bereits die weiße Fahne schwenkt und ich mehr damit beschäftigt bin, keine Kurve zu verpassen, lande ich schließlich direkt im ersten Anstieg im größtmöglichen Gang – Anfänger lässt grüßen.

Während ich panisch versuche auf das kleine Blatt zu wechseln und mich währenddessen gefühlt alle winkend überholen, höre ich nicht nur mein kleines Teufelchen auf der Schulter lachen, sondern die Gangschaltung auch gefährlich aufkreischen. Mit viel gutem Zureden und dem stillen Versprechen auf eine Extra-Pflegeeinheit, bettel ich mein kleines Rädchen an, nicht bereits auf den ersten Kilometern den Dienst zu quittieren. Und rolle zum Glück schon bald im Gleichtakt mit ihm in das nächste Waldstück ein.

Im Vorfeld musste ich mich entscheiden, ob ich eine der drei Rennradstrecken fahre oder eine der beiden Gravelstrecken auswähle. Die Entscheidung fiel auf die kleine Gravelstrecke mit 80 Kilometer und 1100 Höhenmeter – Glücklicherweise eine, mit einem ganzen Berg voller schöner Erinnerungen.

Wellenförmig schlängel ich mich umringt von einigen anderen Gravelmenschen und zusammen mit ich-warte-oben, der heute zum Glück nicht allzu viel oben warten muss, im strahlenden Sonnenschein durch den Wald. Es wird wenig erzählt, dafür viel gelacht. Die Strecke wechselt zwischen asphaltierten Abschnitten und feinen Schotterwegen ab – Wenig technisch, die Kurven dafür jedoch rutschig.

Rechts ab!

30 Kilometer – Konzentriert folge ich den kleinen bunten Anweisungen auf meinem Bildschirm und sehe kaum die gigantischen Flaggen und monströsen Wimpelketten. Als würde ich gegen eine Wand rauschen, stehe ich mit einem Mal da, wo der Pfeffer wächst. Zumindest die Orangen lagern: Am ersten Verpflegungspunkt. Ich tanke Bananen und fülle Flaschen. Die Stimmung ist ausgelassen, die Verpflegung gut. Und doch möchte ich weiter. Mit pochendem Herzen und rollenden Reifen lasse ich Gurken und Kekse hinter mir und pedaliere mich tiefer in Richtung Eifel.

Während die Rennrad-Fondos sich mehr im Dreiländereck Deutschland-Belgien-Luxembourg bewegen, führen die Gravelstrecken in Richtung meiner geliebten Eifel. Doch obwohl man viel kennt und viel gesehen hat, fühle ich mich doch wie in einer anderen Welt, losgelöst und frei. Ich entdecke Orte, die ich so noch nicht kannte und sehe Schilder, die mir die Welt versprechen.

Die Welt ist ein Buch. Wer nie reist, sieht nur eine Seite davon (Augustinus Aurelius)

Schon bald adoptieren wir einen anderen Gravler, der ohne Computer versucht der eher spärlichen Beschilderung zu folgen. Nachdem er einige Male gestrandet ist und auch mit seinem Handy den Weg nicht mehr finden konnte, schließt er sich uns an und ich kämpfe mich noch ein Stück schneller die Anstiege hinauf. Mit jeder Minute werden die Beine schwerer und die Haut roter.

Was die einen auf die mangelnden Sonnenmilch schieben würden, begründe ich an der Aufprallgeschwindigkeit der Insekten, die sich mehr und mehr um mich tummeln.

Innerlich zähle ich die Kilometer, während ich äußerlich strahle. Ich spüre den Schweiß im Gesicht und den Wind in den Haaren. Die Wege werden voller und die Staubwölkchen dichter. Immer wieder trifft man auf Radfahrer anderer Strecken. Wir lachen viel und pedalieren noch mehr. Ein ums andere Mal folge ich im blinden Wahn einer Radgruppe, die vor mir fährt, nur um kurz darauf meine Wendefähigkeiten unter Beweis zu stellen.

Auf einem von Wurzeln durchzogenen Pfad höre ich plötzlich das entfernte Wummern von Musik – die vertrauten Klänge von Stadion und Zielbereich. Mit letzter Kraft kämpfe ich mich die letzten kleinen Anstiege hoch und düse ins Ziel – Mit erhobener Faust und Staubspuren im Gesicht. Voller Stolz nehme ich Printenmedaille und Finisherbeutel entgegen. Und weiß, dass ich hier bestimmt nicht das letzte Mal gewesen bin.

*enthält unbezahlte Werbung durch persönliche Empfehlungen

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3 Rides Festival – und meine erste Gravelbike Medaille

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