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Der Berg will kein Ende nehmen, während ich versuche das circa 20 Kilogramm schwere Rad über den nächsten Felsvorsprung zu hieven. Als es hieß, wir gehen Radwandern, war mir nicht so bewusst, dass wir das Ganze so wörtlich nehmen. Die letzten Wassertröpfchen schwappen in meiner Radflasche fröhlich vor sich hin und mir wird bewusst, dass noch elf weitere Tage vor mir liegen. Elf lange Tage, voller Spiel, Spaß und Sonnenschein, der sich gerade voller Freude Löcher in meine schweißüberströmte Haut brennt. Und mit der Ernsthaftigkeit eines Zebras im Löwenkäfig frage ich mich, wo bin da nur wieder rein geraten bin.

Von Bozen bis nach Rom

„Komm Pinky, wir müssen uns auf morgen Abend vorbereiten.“ – „Wieso, was wollen wir denn morgen Abend machen, Brain?“ – „Genau dasselbe was wir jeden Abend machen, Pinky. Wir versuchen, die Weltherrschaft an uns zu reißen.“ (Auszug aus der Serie Pinky und Brain)

Oder auch Auszug aus der Tourenplanung von ich-warte-oben und mir. Denn so oder so ähnlich, habe ich den Dialog in Erinnerung, als wir uns mal eben entschieden, mitten im Sommer mit dem Rad durch Italien zu fahren, oder besser gesagt: durch Halbitalien.

Da die Urlaubszeit knapp ist, entscheiden wir uns von einer der nördlichsten Städte Italiens bis in die Hauptstadt zu fahren: Auf direktem Weg wären wir circa 700 Kilometer unterwegs. Doch da wir die bekanntesten Städte wie Riva del Garda, Verona, Venedig, Florenz, Lucca und Pisa mit einbinden möchten, kommen wir auf 12 Tage, 1200 Kilometer und 12000 Höhenmeter. Klingt nach einer runden Sache und sieht nach Befüllen der Packtaschen auch ziemlich rund aus.

Tag 1 – Von Bozen nach Riva del Garda (110 km, 900 Höhenmeter)

Der Zug rollt und das im wahrsten Sinne des Wortes. Nachdem wir Mr. Camper auf einem kostenfreien Parkplatz in Bozen abgestellt haben, radeln wir die Kilometer an der Etsch zwischen Apfelplantagen und Bergkulisse herunter. Kühler Wind umweht meine Nasenspitze und ich atme die frische Abenteuerlust ein. Der Radweg glänzt in schönstem Asphalt und mit noch schöneren Rastplätzen. Erst als wir in Trient ankommen, wird die erste Euphorie gestoppt.

[8 Kilometer – 600 Höhenmeter]

Der Edge sagt, der Berg ist steil und ich finde ihn noch steiler. Bei 24 % geröllhafter Steigung sehe ich nicht nur so aus, sondern fühle ich mich auch ein bisschen wie Barney Geröllheimer, der ein Auto samt Dino mit den Füßen anschieben soll. Und kämpfe mich mit Spitzengeschwindigkeiten von 2 km/h weiter.

Sie haben ihr Ziel erreicht. Der Obsthändler befindet sich vor Ihnen.

Nach Stunden des Schieben und Zerrens, führt uns der Weg durch wunderschöne Bergdörfer und an Feigenbäumen vorbei. Als wir den Gardasee erreichen, verschwinden die letzten Sonnenstrahlen schon fast hinter den Berggipfeln. Und wir machen uns auf, die erste Übernachtungsstätte zu finden.

Alles auf Risiko

Um ums nicht zu sehr festzulegen, haben wir nur das Rückreiseticket von Rom nach Bozen gebucht. Fast alle Schlafplätze fragen wir vor Ort an, was in 98% der Fälle gut funktioniert. Und in 2% nur Glückssache ist (dazu später mehr)…

Nach überraschend erfolgreicher Suche machen wir in der ersten Nacht Bekanntschaft mit Wassersprenkelanlagen in Zeltnähe und Mücken in verschwitzer Radkleidungsnähe. So starten wir den zweiten Tag (Achtung Wortwitz) ziemlich gerädert.

Tag 2 – Von Riva del Garda nach Verona (91 km, 800 Höhenmeter)

Mit einem schlafenden und einem staunenden Auge strampel ich mich an der wunderschönen Gardasee Kulisse vorbei. Immer wieder kreuzen unbeleuchtete Tunnel unseren Weg und mein Herz schlägt im Galopp, während die Busse an uns vorbeigaloppieren – Streichelzoo mal anders.

Die Promenade ist gesäumt mit Sonntagsradfahrern am Montag und Spaziergängern von Dienstag. In Schlangenlinien wechseln wir zwischen Radweg und Straße hin und her und ich bin innerlich fast erleichtert, dass wir uns immer wieder in Bergdörfer hochkämpfen – dem Verkehr entfliehen. Der glitzernde See und die leuchtenden Berge laden zu Caffè und Gelato ein. Und ein bisschen neidisch beobachte ich die vielen Badegästen, die sich wie Geckos in der Sonne aalen.

Die Welt tanzt im Rhythmus der Zikaden

Im Sonnenuntergang erreichen wir den Campingplatz in Verona, der majestätisch über der Stadt thront. Nach dem ersten erfreuten Blick, dass es für Frauen auch eine normale Toilette neben einigen Plumpsklos gibt, gehen wir in die traumhafte Altstadt, in der die KissKonzert-Touristen Schlange stehen und ich-warte-oben den ersten Kontakt mit Notfallsanitätern hat.

Anekdote am Rande: Wer minimalistisch packt, muss auch minimalistisch denken

Da wir uns auf warme Temperaturen eingestellt haben, wurde nur das Nötigste eingepackt: So landete neben Zelt und Luftmatratze auch nur ein Hüttenschlafsack in unserem Gepäck. Neben Kochgeschirr, Wechseltrikots, Erste Hilfe für Mensch und Rad, fällt auch die Abendkleidung äußerst dürftig aus. Jeder hat ein paar Flipflops und einen Satz normale Kleidung dabei. Während nun die eine quietschvergnügt mit einem quietschgelben Paar Flipflops durch die Welt hüpft, reißt beim anderen bereits an Tag 2 am Schuh ein Band ab. Blöd für den Schuh und noch blöder für ich-warte-oben, der nun quasi schuhlos ist. Zum Glück flicken freundliche Sanitäter mit viel weißem Tape und noch mehr Fachwissen, die Schuhe notdürftig, so dass jeder glücklich etwas essen gehen kann.

Tag 3 – Von Verona nach Camposampiero (100 km, 600 Höhenmeter)

Mit Caffè und einem klassischen Croissant-Frühstück im Bauch, verabschiede mich von der Bergkulisse, die hinter uns emporragt und fahre tiefer ins flache Land hinein. Nach dem üblichen Verkehrs-Chaos, das Städte erst zu richtigen Städten werden lässt, werden Apfelplantagen von Weinreben und Seeblicke durch Burgmassive abgelöst. Touristengebiet adé. Die Städte wirken in der Mittagszeit ausgestorben, Geschäfte haben geschlossen. In der einzigen Bar, die auf der gesamten Strecke geöffnet hat, wird ausschließlich italienisch gesprochen und das mir mittlerweile bekannte und gern genutzte „Ciao“ wird durch „Salve“ abgelöst. In Gedanken an gestreifte Hosen und rote Zöpfe von fröhlichen Galliern, fahre ich grinsend meiner Wege.

Es wird jeden Tag spürbar heißer und wir verabreden uns für den nächsten etwa einen Quadratmeter großen Baumschatten der in 400 m, 800 m oder 2000 m auf uns wartet. Und trinken gierig unser stilles Wasser, mit dem man auch hervorragend eine Suppenterrine anmischen könnte.

Nachdem wir gefühlte Stunden schnurgerade durch Felder gefahren sind, kommen wir die erste Nacht in einem Hotel unter. Akkus und Ladegeräte vollladen – der Elektronikartikel und von uns.

Tag 4 – Von Camposampiero über Venedig zum Delta del Po (85 km, 100 Höhenmeter und 11 Fährkilometer)

Aufgeregt wache ich im stillen Wummern der Klimaanlange auf und brauche einen Moment, um mich zu sortieren. Die Räder stehen in der Tiefgarage, während sich die Satteltaschen im Zimmer stapeln. Als hätte ich die Radwelt gestern verlassen, fällt es mir umso schwerer, in die Draußenwelt zurückzukehren. Doch heute wartet der Tag, auf den ich mich schon lange gefreut habe: Die Fahrt nach Venedig.

Venedig ist nicht nur autofrei, sondern auch radfrei: Man darf zwar bis Venedig über die Brücke mit dem Rad einreisen, muss dieses jedoch direkt in der Tiefgarage in einer videoüberwachten Fahrradgarage abstellen (Kosten: 10 € für 24 h). Das Rad darf weder durch die Stadt geschoben werden, noch auf Touristenfähren mitgenommen werden.

In meinen Radklamotten kämpfe ich mich unter tausenden musternden Blicken über das heiße Pflaster der Stadt, verirre mich in kleinen Gassen, mache Fotos von den Hauptsehenswürdigkeiten und bestelle Caffè noch nicht ganz wie eine Italienerin. Und vermisse heimlich mein Rad, den Fahrtwind, das Gefühl von Freiheit und Raum.

Als ich nach drei endlos langen und heißen Stunden wieder mit Miss Gravel vereint bin und mir auf der Autofähre der frische Meerwind ins Gesicht schlägt, fühle ich mich wieder wohler in meiner Haut. Mit einem Strahlen im Gesicht, rolle ich über die Strandpromenade von Lido, die nach Südseeurlaub und Strandleben schmeckt. Als ich nach einer weiteren Fährüberfahrt die kleine Insel Santa Maria del Mare erreiche, die an manchen Stellen selbst für Fahrräder zu schmal ist, bin ich mir sicher meinen Traum-Auswanderort gefunden zu haben: Ich beobachte Angler auf Angelstegen und freundliche Damen vor bunten Häusern, rieche den Geruch von Salzwasser und Sommerschwere. Es fällt mir schwer, nun die letzte Fähre zurück zum Festland zu besteigen und bin doch froh, die heutige Nacht an einem Campingplatz am Meer verbringen zu können. Und schlafe, bewacht von dem rotesten Mond, den ich je gesehen habe, ein. Noch nicht ahnend, dass die richtige Tour erst gerade begonnen hat.

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Mit dem Rad durch Italien (Teil 1)

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