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Über Schlammpackungen und Sonnenschein. Vom Regen eingehüllt, ziehe ich die letzten rutschigen Riemen meiner Taschen fest und mache mich auf den Weg zum Start. Spritzwasser besprenkelt Rad und Beine, während sich meine Laune mit jedem Meter mehr der trüben Wolkendecke des Himmels anpasst, der sich auch in den nächsten beiden Tagen nicht aufklaren soll. Verunsichert kämpfe ich mich den letzten kleinen Anstieg zur Talsperrenmauer hinauf. Stehe vollkommen durchnässt am Startpunkt von Dirty Boar. Und ein leises Lächeln zieht sich über mein Gesicht.

Vorgeschichten-Erzählzeit

Dirty Boar sind eine Gruppe begeisterter Radfahrer, die sich vor einigen Jahren in den Kopf gesetzt haben, anderen Gravelliebhabern die wunderschöne Landschaft des Hohen Venns näher zu bringen. Dazu planen sie Trainingsstrecken, organisieren jedes Jahr eine Ein Tages „Endurance Gravel Ride“ und ein zwei Tages Bikepacker-Event über Pfingsten. (Mehr Infos unter: https://dirtyboar.be/ )

Nachdem ich vor zwei Jahren mein erstes Bikepacker-Event hier mitgemacht und mich in die wunderschönen Strecken, die herzlichen Menschen und die tolle Organisation schockverliebt habe, bin ich im vergangenen Jahr, die von Dirty Boar mit organisierte Transbelgien Route auf eigene Faust geradelt. Und freue ich mich nun wahnsinnig auf das diesjährige Bikepacker Event – Regen hin oder her.

Einmal im Matsch suhlen…

Zusammen mit ich-warte-oben und erstmalig mit ich-rase-vor steht unser Dreier-Gespann mit leichter Verspätung im Startblock. Mit halben Ohr folge ich den letzten Anweisungen – Vorsichtig fahren, Brücken nutzen, könnte schlammig werde – ehe es endlich losgeht…

Der Regen perlt an meinem Helm ab und sammelt sich als wippender Tropfen vor meinem Gesicht. Reifen surren auf der nassen Fahrbahn, während der See an uns vorbeifliegt. Magische Ruhemomente.

Der Track führt uns auf einen Wirtschaftsweg und wir finden uns bald im ersten Anstieg wieder. Dichte Nebelwälder hängen sich an Baumwipfeln auf – Schweißperlen sammeln sich unter Regenjacken. Zwischen viel Gelache und Kekspower schrauben wir uns zum höchsten Punkt Belgiens hoch. Und treffen erstmals andere durchnässte Teilnehmer wieder.

Ich glaub‘ mein Wildschwein pfeift

Jauchzend rasen wir den anschließenden Schotterweg hinab. Spritzwasser besprenkelt mein Gesicht, während mir der nebelschwere, warme Wind entgegenweht. Mit einem Mal biege ich um eine Kurve, komme erst im letzten Moment zum Stehen: Vor uns tut sich eine riesige Schlammkuhle auf.

Als hätte sich bereits eine ganze Horde-Wildschweinreifen darin gesuhlt, säumt eine dicke Matschschicht die Fahrbahn. Und nun? Während ich-warte-oben und ich-rase-vor bereits todesmutig durch den Matsch wühlen und der eine sauberer als die andere den Todesritt übersteht, stehe ich noch etwas skeptisch zwischen Holzstapeln und Schlammbad. Halb eingeklickt roller ich mich durch Fahrfurchen und bin erleichtert, wieder festen Boden unter den Reifen zu spüren.

Es geht aufwärts.

Wir folgen dem nächsten Anstieg. Das Wetter klart auf und wir tanzen Limbo unter Schranken durch. Nach Begegnungen mit schreienden e-Roller Fahrern in Wildschwein-Wellnessoasen, lassen wir bald den letzten Stausee hinter uns. Wir folgen Wurzeltrails durch schattige Wälder und Vennbahnwegen durch Felder. Obwohl ich mein Bestes gebe, merke ich, wie mich mehr und mehr die Kraft verlässt. Anstiege werden zu Geduldsproben und das Rad mit jeder Schlammschicht schwerer.

Ich schaue in den Wald. Sehe das Grün der Bäume und höre den Gesang der Vögel. Ich genieße. Erschöpft lege lege eine Trinkpause ein und fühle den mit Regen getränkten Kiesboden unter meinen Sohlen. Leichter Wind umweht mein Gesicht, als eine andere Dirty Boar – Gruppe fröhlich winkend an mir vorbeidüst. Langsam klettere ich erneut auf mein Rad und mache ich mich auf den Weg zum Ziel.

Da im Vorfeld von Unwetterwarnungen und Starkregen die Rede war, wurde die erste Tagesetappe gekürzt. Statt der eigentlich geplanten 120 km mit 2000 Höhenmetern, endet die heutige Etappe bereits nach 104 Gravelkilometern mit 1500 Höhenmetern.

Dankbar für die Streckenverkürzung, schließe ich zu den anderen auf. So holpern wir im Sonnenschein die letzten Schotter-Kilometer bis ins Camp.

Radputzzeit – Grillabendmomente

Im Startpreis ist bereits der Zeltplatz mit Dusche, Radputzmöglichkeit, einem tollen Abend- und Frühstücksbuffet enthalten. Dieses Jahr gibt es zusätzlich noch Suppe und Kaffee so viel man möchte und auf den sich mein DirtyBoar Becher schon den ganzen Tag gefreut hat.

Der Regen weckt uns früh und es herrscht bereits reges Treiben: Zelte werden eingepackt, Ketten geschmiert. Nach einem reichhaltigen Frühstücksbuffet und mit vollen Radflaschen geht die Radreise weiter.

Tag Zwei- 113 km mit 1400 Höhenmetern

Als hätte jemand die Wiederholungstaste gedrückt, öffnet der Himmel seine Pforten. Bremsen quietschen auf und Matschtropfen fliegen mir ins Gesicht. Nachdem sich unsere Radcomputer nicht richtig einig waren und wir uns schließlich für einen überfluteten Single-Trail entschieden haben, ist bereits nach den ersten Kilometern die vorherrschende Radlackierungsfarbe braun.

Johlend rasen wir durch Pfützenlöcher, bleiben in Schlammwüsten stecken. Mit Schießübungsgeräuschen im Rücken rasen wir durch den Wald und lassen mir einem breiten sommersprossigen Grinsen den ersten Abschnitt hinter uns. Schlammschön.

Aus Regen wird Nebel und aus Nebel wird Sonne.

Mit zwei Kleiderschichten weniger am Leib, landen wir in einem Biergarten.

Apfelkuchen tanken, Eis schlürfen.

Gestärkt, aber trotzdem leicht angemüdet liegen noch zwei Drittel des Weges vor uns. Ich versuche mit ich-rase-vor Schritt zu halten und bin froh, dass der Track heute viel über breite Schotterwege und trockene Waldwege führt. Die Zeit rast ins Land und ich hinterher.

Die letzten Kilometer führen uns noch einmal in den Wald hinein. Mit vielen anderen Wildschweinfahrern kämpfen wir uns über wurzeldurchsetzte Trampelpfade und an Fußgängergrüppchen vorbei. Hochkonzentriert hieve ich Miss Gravel über Bodenlöcher und rolle schließlich mit knirschender Kette die letzten Meter ins Ziel hinein. Mit einem Herzchen voller Glück fahre ich am Großen Löwen vorbei. Und freue mich schon auf das nächste Event, das Dirty Boar veranstalten wird.

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Dirty Boar Bikepacker 2024 – Mit dem Schwein auf Rüsselhöhe

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2 Gedanken zu „Dirty Boar Bikepacker 2024 – Mit dem Schwein auf Rüsselhöhe

  1. Die Mischung aus Naturerlebnis, sportlicher Herausforderung und Gemeinschaftsgefühl macht dieses Event zu einem unvergesslichen Erlebnis. Dein Enthusiasmus für das Event ist ansteckend, und es klingt, als ob die Dirty Boar-Organisatoren großartige Arbeit leisten, um ein solches Abenteuer zu ermöglichen. Ich kann mir gut vorstellen, dass viele Leser nach deinem Bericht motiviert sind, selbst einmal an diesem aufregenden Bikepacking-Event teilzunehmen!

    1. Dankeschön fürs Vorbeischauen und die vielen lieben Worte. Das freut mich wirklich sehr. Es tut gut zu hören, dass ein bisschen von meiner Freude im Blog mit rüberkam :-).
      Hab einen schönen Wochenstart,

      liebe Grüße, Sara

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