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Mühsam trete ich in Pedale – Mit jeder Pedalumdrehung gräbt sich mein vollgepacktes Rad tiefer in die Geröllmassen ein und ich komme nur verschwindend langsam voran. Kiessteine schnellen unter den Reifen empor und ich höre das schmerzhafte Klingen von Stein auf Carbon. Ich kämpfe mich weiter. Versuche, ich-warte-oben in der Staubwolke vor mir auszumachen. Der Schweiß steht mir auf die Stirn geschrieben und ich atme tief ein. Betrachte die Lavatürme, die sich wie ein Spalier neben mir auftürmen. Mein Rad schlingert, als ich mit einer letzten Umdrehung das Schotterfeld verlasse. Und die Sonne kehrt zurück.

Alles auf Anfang

Zwei Jahre ist es her, als ich den Artikel ausgerechnet in einem Flugzeug las: Von einem Mann, der die kanarischen Inseln bei einem Radrennen überquerte. Ein vollkommen verrückter Mensch in meinen damaligen Augen. Doch trotzdem genügen die wenigen Zeilen, um einen nie dagewesenen Funken in mir zu entfachten. Obwohl ich im Gelände kaum geradeaus fahren kann, geschweigedenn das nötige Bikepacking-Equipement habe, bin ich mir in diesem Moment ziemlich sicher, dass ich so etwas auch erleben möchte.

Ich blicke aus dem Fenster. Sehe, wie aus Land – Meer und aus Meer wieder Land wird. Nun sitze ich wieder hier. In einem Flugzeug. Auf dem Weg nach Lanzarote mit zwei Rädern, zwei Bikepacking-Gepäck-Mülltüten und ich-warte-oben, der selig schlummert. Unruhig rutsche ich auf meinem Sitz. Gleich geht es los – Meine Reise über die kanarischen Inseln, die ich mir so lange erträumt habe, kann beginnen.

Lanzarote – Zwei Tage, 146 Kilometer, 2300 Höhenmeter

Lanzarote begrüßt uns stürmisch. Nachdem wir fachmännisch unsere Fahrrad-Pappkartons in einem Mülleimer entsorgt haben, Räder aufgebaut und uns mit Sonnenmilch eingerieben haben, spült nur wenige Minuten später seitlich kommender Hagel diese wieder ab. Na das kann ja heiter werden! Müde kämpfen wir gegen den Wind an, der uns nach wenigen Minuten bereits wieder trocken gepustet hat. Und uns mit einer erneuten Dusche erwartet. Als wir schließlich nach vierzig Kilometern und drei weiteren Nass-Trocken-Duschen am nördlichsten Punkt und unserem eigentlich Startpunkt ankommen, bin ich mir ziemlich sicher, dass die ich die Kanaren irgendwie anders in Erinnerung hatte…

Unser Ziel ist es, innerhalb von zehn Tagen die Inseln Lanzarote, Fuerteventura, Gran Canaria und Teneriffa zu überqueren und von dort den bereits gebuchten Flieger zurück zu nehmen. Wenn alles gut läuft, wollen wir zusätzlich noch eine Ehrenrunde auf El Hierro drehen, was uns zu dem Zeitpunkt auf jeden Fall als machbar erscheint – Zumindest in der Theorie. Den Track werden wir von dem Ultracycling-Radrennen GranGuanche übernehmen, bei dem die Teilnehmer die gesamte Strecke in deutlich weniger Tagen und mit deutlich weniger Gepäck abfahren. Des einen Freud ist des anderen Leid.

Quelle: https://granguanche.com/

Meeruntergänge hinter Bergwelten

Der Weg führt uns vom Meer weg und ins Landesinnere hinein. Mit einer Gewissheit, die ich sonst nur beim Kekse essen an den Tag lege und die lautet „Alles oder Nichts“, fädeln wir uns auf einen schmalen Pfad ein: Schotter, Steigung, Schlaglöcher. Mit einem Seufzen peitsche ich mein aufbäumendes Ross voran.

Ich lasse den Blick schweifen: schwarz-braune Steinlandschaften und verlassene Häuser. Nur gelegentlich brechen grüne Kakteen und Aloe-Pflanzen die karge Landschaft auf. Ich bin beeindruckt, von der Einfachheit und Schönheit der Natur. Ein Lächeln zieht sich über mein Gesicht. Ich höre den Wind, spüre warme Sonnenstrahlen auf meiner Haut. Von dem unfassbaren Gefühl gepackt auf einer Urlaubsinsel eine Radreise zu machen, fahre ich wie auf Wolken an der Touristenhochburg Mirador del Rio vorbei und lasse das Meer hinter den Bergen verschwinden.

Übernachtung gesucht.

Als uns einige Stunden später die Dunkelheit einholt, beschließen wir in dem Küstenort Caleta de Famara zu übernachten.

Im Vorfeld haben wir lange diskutiert, ob wir unsere Campingausrüstung trotz Campierungsverbot und wenigen Zeltplätzen mitnehmen. Da das Schlafen im Zelt für uns aber die eigentlich schönere Lösung ist, schleppen wir unsere gesamte Zeltausrüstung mit. Als nun kein Appartement mehr verfügbar ist und wir mittlerweile vor Kälte und Müdigkeit zitternd vor einem Fischerlokal stehen, scheint uns eine Übernachtung in den Dünen als rettende Lösung. Oder nicht?

Eine warme Dusche ist wie ein neues Leben

Ein Deutsch-Argentinier spricht uns an und fragt wie selbstverständlich für uns in einem Supermarkt nach einer Übernachtungsmöglichkeit. Nachdem eine halbe Stunde auf spanisch diskutiert und telefoniert wurde und uns die Situation von Minute zu Minute unangenehmer wird, bringt uns schließlich eine Frau in ein Appartement. Ein Herzensmoment. Und die Gewissheit, dass sich eine heiße Dusche selten so gut angefühlt hat.

Schwarz-grau mit blauen Meertupfern

Früh am nächsten Morgen brechen wir auf. Wir folgen einem Wirr-warr aus Wegen durch die wunderschönen Dünen. Weicher Sand und schwarze Felsnasen machen das Vorankommen mit meinem zwanzig Kilo-Rad fast unmöglich und ich verfluche dieses kleine Ultralight-Zelt, dass mein Rad zusätzlich zu verhöhnen scheint.

Ich blicke in die Wellen. Die Gicht spritzt zwischen den Felsen empor und ich kann mich kaum von der Kraft des Wassers lösen. Versöhnter und leicht angezaubert folge ich dem Weg zwischen terrassierten Weinanbau-Feldern in den Nationalpark hinein. Unwirklich halte ich die großen, aber leichten Lavasteine in den Händen. Spüre, die gespeicherte Wärme von Jahrzehnten unter den Reifen.

Kleine Pfade machen das Vorankommen schwerer. Es erleichtert aber das Kennenlernen eines Landes.

Das verführerische Blau des Meeres blinzelt uns entgegen und schon bald rollen wir auf einer Fahrradstraße in den Hafen von Playa Blanca ein. Zwischen LKW’s und Autos fädeln wir uns für unsere erste Fährüberfahrt nach Fuerteventura ein. Mit einem letzten Blick auf diese unwirkliche Landschaft lächle ich in mich hinein. Und die Sonne lächelt zurück.

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Mit dem Rad über die kanarischen Inseln – Lanzarote

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