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Manchmal steht die ganze Welt Kopf – Oder zumindest reichlich schief. So schief, wie ein namenloser Turm in einer umso namhafteren Stadt auf einem Marktplatz, der nach einer Nudelsoße benannt wurde. Oder umgekehrt; denn manchmal weiß man nicht, ob zuerst das Huhn oder das Ei mit Tomatensoße übergossen wurde. Auf jeden Fall stehe ich auf dem Domplatz Piazza dei Miracoli und staune Hackbällchen. Für einen kurzen Moment, der mir fast den Atem raubt, erscheint mir die Welt im rechten Licht ehe sie mit jedem Meter, den ich mich vom Turm entferne, zu kippen beginnt.

Tag 8 – Von Lucca nach Lajatico (99 km mit 1250 Höhenmetern)

Die Nacht war kühl. So kühl, dass wir fast in Versuchung gekommen wären, das Außenzelt aufzubauen, dass die letzten Tage sicher in der Lenkertasche verstaut blieb. Doch so hatte nicht nur mein Körper die Chance herunterzukühlen, sondern auch mein Kopf die Gelegenheit frei durchzuatmen. Mit frischem Mut starten wir in Richtung Pisa, das wir nach zwanzig gut gelaunten Kilometern erreichen.

Fotoshooting – Freude tanken.

Die Meter rasen unter den Reifen daher und nach den letzten beiden straffen Etappen fühlt sich der heutige Tag nach Streicheleinheit und Kuschelmoment an. Viel zu schnell erreichen wir das Mittelmeer. Der Ort, der für mich auf unserer Italienreise die letzte wichtige Anlauf- und Motivationsstelle war.

Während uns die bisherige Reise an bekannten Städten und wichtigen Sehenswürdigkeiten vorbeiführte und immer der nächste Motivationskuchenmoment greifbar schien, wird die weitere Reise in der Tristesse der Toskana mit ihren unerbittlichen Hügelwelten und Hitzerekorden versacken. Das dachte ich zumindest, als ich ein letztes Mal die warm-salzige Luft einatmete, die nicht nur durch den Dunst meiner Pommes entstand, sondern mehr durch das feucht-warme Hafenbecken zu meinen Füßen.

Schwerfällig setze ich mich auf mein Rad und fühle zum ersten Mal ein kleines Motivationsloch. Ab hier gilt es nur noch das nächst größere Ziel „Rom“ zu erreichen, das noch in tageweiter Entfernung liegt. Die Temperaturen steigen stündlich und die 1100 Höhenmeter, die auf den letzten Kilometern auf mich warten, steuern nicht unbedingt zu meiner Ausgelassenheit bei.

Ich atme tief durch. Beobachte das Licht und die Farben, die sich vor mir auftun: Die Welt um mich herum wird kahler. Strohballen und Getreidefelder spiegeln das Bild, das die Sonne auf meine Haut wirft. Und doch fahre ich weiter. Versuche mich weit wegzuträumen und bin doch bei mir. Ich atme die warme Luft ein und ein Lächeln zieht sich über meine Gesicht. Ich bin in Italien – Genau da, wo ich schon so lange sein wollte.

Mein Radcomputer kündigt den nächsten Anstieg an. Stetig trete ich in die Pedale und spüre den Schweiß in sanften Bahnen über meine Haut rinnen. Innerlich zähle ich die Sekunden, während das Display in bunten Farben blinkt.

„Einfach weiter treten“ lautet das Mantra – ob damit der innere Routenplaner oder die Pedale gemeint sind, lassen wir mal dahin gestellt.

Zurück zur Schieflage.

Nachdem der Tag so gut begann und auch der erste größere Anstieg gut fahrbar war, nimmt die Etappe schnell eine rasante Wendung. Die nächsten sechs Kilometer zieht sich der Berg durch schönsten Schotter und tiefste Schlaglöcher. Über Stunden schiebe ich mein Rad den Berg hoch, nur um anschließend über ebenjenen Untergrund bergab zu puckeln. Konzentriert zirkele ich das Rad über Felsen und Steine. Schnaufe und kühme, fluche und ächze.

Und meine Laune hängt irgendwo zwischen klappernden Tellern und quietschenden Bremsen fest.

Am Ende der Apokalypse angekommen?

Als wir fast in der Abenddämmerung den kleinen Künstlerort Lajatico erreichen, stehen wir das erste Mal vor einem ganz neuen Problem:

Um uns nicht in unserer Routenplanung einzuschränken, haben wir im Vorfeld keine Unterkünfte gebucht. Zwar haben wir am Vorabend jeder Etappe bereits Schlafmöglichkeiten gesucht und die Routen angepasst, allerdings sind wir mit der Freiheit in den Tag gestartet unsere Tour an jedem Zeitpunkt verändern zu können. Was bisher nie ein Problem darstellte, stellt uns nun vor ein großes Fragezeichen. Alle drei Unterkünfte sind ausgebucht, das Agritourisme verweist und verschlossen. Einzig die Mücken scheinen nun in Freudentänzen ein Heim zu finden, indem sie mich heimtückisch (oder eher heimmückisch) attackieren.

Während ich-warte-oben recherchiert, versuche ich tapfer die Stellung zu halten. Wild fuchtelnd und von Dornbüschen zerschrammt, steure ich mit Ideen und Vorschlägen bei und gebe trotz aller Fröhlichkeit scheinbar kein fröhliches Bild ab.

Ein Herzensmoment

Ein älterer Mann, der selber einst Rad gefahren ist und viele Abenteuer erlebt hat, schleicht neugierig um unsere Räder herum. Auf Hand-Fuß-Italienisch fragt er, wie weit wir gefahren sind, um schließlich im nächsten Hotel zu verschwinden. Während wir uns darauf gefasst machen, die nächsten sechs bis zwanzig Kilometer bergauf zu pedalieren, bittet er erneut im Hotel um einen Schlafplatz für uns, um dann eigenmächtig bei einer Freundin anzurufen, die im Ort ihr Gästezimmer an Touristen vermietet.

Nach vielen schnellen Worten und einigen schnellen Mückenhieben meinerseits, ist klar, dass wir diese Nacht bei „Carla“ verbringen, Einer waschechten Italienerin mit viel Herz und noch mehr Kaffee. Ein unvergessliche Begegnung. Als wir schließlich in einem Hinterhof eines Restaurants einen kleinen Zaubergarten entdecken, der uns das beste Essen der gesamten Reise serviert, ist klar, dass mein Herz von nun an in grüß-weiß-roten Farben schlägt.

Als wir am nächsten Morgen kaum heruntergekühlt in den nächste Tag starten, wird mir erst bewusst, auf was für ein heißes Pflaster wir uns in den nächsten Tagen begeben werden. …

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Mit dem Rad durch Italien (Teil 3)

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