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Der nächste Morgen kommt schnell – zu schnell. Nach einem erfrischend staubigen Knäckebrotfrühstück und viel italienischem Caffé schließe ich etwas wehmütig die quietschende Tür, winke der lieben Italienerin mit der Kittelschürze ein letztes Mal zu und holpere die steilen Kopfsteinpflasterwege herab. Sollte ich jemals daran denken auszuwandern, findet man mich definitiv hier, denke ich und lasse das Dorf, das von weitem wie eine Festung aussieht, hinter mir.

Tag 11 – Von Seggiano zum Lago die Bolsena (72 km mit 1300 Höhenmetern)

10 Kilometer – 1000 Höhenmeter. Schon nach wenigen Metern beginnt der Anstieg. Mein Radcomputer wirft mit wilden Diskolichtzahlen um sich, während ich nur mäßig begeistert versuche, ihn in seine Schranken zu weisen. Freude sieht anders aus. Die Straße windet sich in Serpentinen den Berg hinauf und alles um mich herum wirkt mit einem Mal winzig klein. Ich rolle die Ärmel meines Trikots ein weiteres Stück nach oben, um der feindlichen Übernahme von lebenslangen Tanlines auf meiner Haut entgegenzuwirken. Frei nach dem Motto: Folgen Sie mir für weitere Lifehacks.

Schattenmomente

Was mit einem kleinen Baumschatten begann, wird innerhalb weniger Minuten ein großes Schattenland. Nach Tagen der Tristesse umgibt mich ein duftig kalter Pinienwald. Je höher wir steigen, desto klarer wird die Luft. Im Wald findet man ausgewiesene Grill- und Rastplätze, die Familien für ihr Sonntagsfrühstück nutzen und von den Einheimischen stark frequentiert werden.

Campieren und Übernachten ist ausdrücklich verboten und nicht selten begegnen uns neon-bunt patrouillierende Fahrzeuge auf unserer Reise.

Ich genieße den Wald, die Kühle, das Schattenland um mich herum. Obwohl der höchste Punkt auf 1400 m liegt, fühlt es sich hier doch wie eine andere Welt an. Neben Skiliften und Reisemobilen trinken wir einen letzten Caffé, ehe wir uns wieder vom Wald verabschieden müssen.

Fönwindfahrt

Mit zum Teil 70 km/h geht es den kurvenreichen Berg hinab. Was mit einem zarten Lüftchen begann, wird bald ein glühend heißer Fön, der mir mit voller Wucht ins Gesicht schlägt. Aus dem sanften Grün, wird trockenes Gelb. Wüstenidylle. Wellenfömig schlängeln wir uns durch die Einsamkeit. Freuen uns über jede Wasserstelle wie Pinocchio über Menschenbeine.

Als wir nach Stunden von Feldern umringt über eine Kuppe rollen, liegt plötzlich das Meer von uns. Oder ein See. Aber zumindest so satt und blau, dass das Meer sich davon eine Scheibe abschneiden könnte. Direkt am Wasser schlagen wir unser Zelt auf. Springen durch die süßen Wellen und das lauwarme Wasser. Und sehen mit den Füßen im Sand unseren schönsten Sonnenuntergang über Italien.

Das Leben kann so einfach sein.

Tag 12 – Lago die Bolsena nach Rom (120 km mit 1380 Höhenmetern)

Nach wenigen Handgriffen ist das Zelt verstaut, die Taschen gepackt. Wohin unsere Reise geht, wissen wir selber noch nicht so genau – Auf jeden Fall in Richtung Rom. Nach den letzten beiden höhenmeterreicheren Tagen, haben die Beine heute keine richtige Lust – Ich dafür umso mehr. Gut gelaunt trete ich in die Pedale, was sich mittlerweile so vertraut anfühlt wie Pizza zum Abendessen.

Apropos Pizza: Jede Bodenwelle erinnert mich daran, dass ich einen Gaskocher in der Lenkertasche mit mir herumfahre. Diesen haben wir gelegentlich zum Frühstück genutzt, aber da wir abends meist eine Unterkunft in Stadtnähe fanden, konnten wir die volle Bandbreite der italienischen Pizza kennengelernen – die zwar immer anders, aber immer großartig ist.

Der heutige Tag ist abwechslungsreich und führt durch Plantagenwälder und an Seengebieten vorbei. Ich genieße die wunderschöne Umgebung, atme den Geruch von Olivenhainen und Orangen ein.

Durchfahren oder Pause machen – das ist hier die Frage

Nachdem wir nach 60 sehnsüchtigen Kilometern erst eine Kuhweide mit Wasserbrunnen und anschließend ein schmuddelige Kneipe mit Eis am Stiel und Cola im Glas gefunden haben, entschließen wir uns, keinen weitere Übernachtung zu planen. Aufgeregt, schon am heutigen Tag unser Ziel zu erreichen, brechen wir auf und treten wir noch etwas euphorischer in die Pedale:

Mit jedem Meter, den wir uns der Stadt nähern, bin ich dankbarer. Dankbarer dafür, dass wir keinen einzigen Platten, keine Panne auf unserer Reise hatten – niemand von uns Schmerzen in den Gelenken oder einen Unfall hatte – für die Momente, die wir erleben durften und Erinnerungen, die uns begleiten werden.

Fast schon sentimental machen wir kurz vor Rom einen letzten Halt: Trinkflaschen auffüllen, Eiskaffee leeren.

Wie durch die Zauberkugel der Mini Playback Show gefahren, befinden wir uns plötzlich mitten im Stadtverkehr Italiens Hauptstadt. Obwohl wir die letzten 12 Tage, 11764 Höhenmeter und 1148 Kilometer in den Beinen spüren, fühlt es sich fast nach Rennmodus an. Wir können es kaum erwarten, endlich da zu sein. Das Ziel in uns zu spüren. Zwischen Bussen und Autos jagen wir wie ein Lieferbote auf das Herz der Stadt zu, kreuzen Gehwege und bahnen uns Wege über Kreuzungen.

Etwas planlos überlegen wir zwischen Ampelphasen und Bus-Abgasen, welches Ziel für den Abschluss würdig wäre. Nach Tagen der Trockenheit und Verlassenheit kommt dafür eigentlich nur ein Ort in Frage: Einen, der Einzigartigkeitscharakter hat und das Sinnbild dafür ist, zurückkehren zu wollen: Der Trevi-Brunnen.

Die letzten Meter schieben wir unsere Räder zwischen lärmenden Passanten und passierenden Händlern hindurch. Quetschen uns klebrig-stinkend zwischen posende Instagram-Schönheiten und Strahlen in die Kamera.

Ein kleiner Augenblick für uns, aber ein Moment für die Ewigkeit.

Braungebrannt, etwas ungläubig und mit feuchten Augen starre ich auf die Wassermassen und die Touristenschlangen. Sehe Bilder vor meinen Augen und spüre Lachen im Herzen. Und weiß, dass ich an diesem Punkt meine Reise fortsetzen möchte.

Epilog: Unseren „Puffertag für Notfälle“ verbringen wir als Touristen in der Stadt. Fußläufig und inkognito. Meine Füße brennen, die Sonne noch mehr. Ich sehne mich nach meinem Rad, dass sich ohne Gepäck viel zu leicht angefühlt hat. Und freue mich bald, das erste Mal nach 14 Tagen, frische Kleidung tragen zu dürfen. Bald, wenn wir Norditalien wieder erreichen.

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Mit dem Rad durch Italien (Teil 5)

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2 Gedanken zu „Mit dem Rad durch Italien (Teil 5)

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