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Wenn man einen Blick in den heimischen Fahrradhandel wirft, fühlt man sich ein bisschen wie auf einem orientalischen Gewürzmarkt: Neben bunten Farben, kleinen Tiegeln und ominösen Gerüchen, lassen sich so manche Schätze entdecken. Was folgt ist möglicherweise der eine oder andere Fehlkauf. Auf jeden Fall aber eine harte Verhandlung mit dem Händler, weil doch ganz augenscheinlich und offensichtlich das ganze Lager leergekauft ist. Aber manchmal geht man eben doch als strahlende Siegerin hervor. Oder fühlt sich zumindest wie eine

Wenn das langersehnte Gravelbike 4-6 Wochen vor der eigentlichen Lieferzeit an der eigenen Haustür klingelt.

Luftsprungzeit

Es ist Donnerstagabend – Die erste Probefahrt liegt hinter mir, die Hormone schäumen über. Und schnell ist klar, dass ich das kommende Wochenende auf dem Rad verbringen möchte. Da das Gute oft so nahe liegt, entschließen sich ich-warte-oben und ich uns kurzerhand dazu, den Vennbahn-Radweg bis Luxemburg zu fahren, dort zu übernachten und am nächsten Tag auf einem anderen Weg nach Aachen zurückzukehren. So zumindest der grobe Kopfplan, der in dem Moment die Welt bedeutet.

Der Vennbahn-Radweg ist einer der längsten Bahntrassen-Radwege Europas und führt von Aachen, durch Belgien bis nach Troisvierges in Luxemburg. Die ehemalige Eisenbahnstrecke diente ursprünglich im 19. Jahrhundert dazu, Kohle aus dem Aachener Raum nach Luxemburg und auf umgekehrten Wege Stahl nach Aachen zu transportieren. Nachdem die Bahnstrecke im Zweiten Weltkrieg teilweise zerstört wurde und auch der Bahnverkehr zu touristischen Zwecken im Jahre 2001 eingestellt werden musste, wurde die Bahntrasse zu einem Fernradweg umkonzipiert. Heute lassen sich die sehr gut asphaltierten 125 km und circa 1100 Höhenmeter des mehrfach ausgezeichneten Radweges in 6 Etappen befahren oder auch problemlos an einem Tag abradeln.

Informationen zu Unterkünften auf der offiziellen Seite des Vennbahn-Radweges https://www.vennbahn.eu/

Ich packe meinen Koffer und nehme mit …

Mit einer 10 l Satteltasche, die ich höchst professionell mit allen überlebenswichtigen Dingen vollgestopft habe und mit der ich vermutlich jede Fähnlein Wieselschweif Auszeichnung bekommen würde, starten wir bei herrlichem Wetter unsere erste Mini-Bikepacking Tour.

Kleidung und Wechselschuhe, Pflaster, Waschzeug, Riegel und Gel, Regenkleidung, Ladekabel, Flickzeug, Handy und Ausweis.

Nachdem uns Mr. Edge ausgiebig die schönsten Straßensperrungen Aachens gezeigt hat und wir nach 5 Kilometern auf dem Tacho wieder an jenem Parkplatz vorbeifahren, an dem wir vor circa einer dreiviertel Stunde noch nach einer Parkbucht suchten, weiß ich zumindest, dass die Bremsen und das Ein- und Ausklicken funktionieren. Und zudem, dass man eine Satteltasche richtig befestigen sollte, damit sie nicht nach der ersten Bodenwelle eine wilde Schleif-Musikkompensation mit dem Hinterrad eingeht.

Es kann losgehen. Die Sonne strahlt zwischen den sattgrünen Blättern der Bäume hindurch und ich strahle mit. Das Rad rollt auf der glatten Asphaltdecke ruhig vor sich hin und in mir breitet sich nach der Aufregung der letzten Tage eine gewisse Ruhe aus. Ich höre die Vögel zwitschern und spüre den warmen Fahrtwind auf der Haut. Lasse meinen Gedanken freien Lauf. Der Weg führt schnurgerade an Wäldern und Wiesen vorbei und immer wieder begegnet man freundlichen Radfahrern, die eine Pause auf den vielen Rastplätzen einlegen.

Alle 500 m steht am linken Fahrbahnrand die Kilometerangabe des Radweges und ich bin überrascht schon nach wenigen Augenblicken das 23km-Schild zu passieren. Unter den Reifen rasen die Kilometer daher und die Zeit gleich mit. Der Weg führt mich an ehemaligen Bahnhöfen vorbei, die in schöne kleine Cafés umfunktioniert wurden und über tausende Straßenkreuzungen, deren Überquerungshilfe man nicht komplizierter hätte anbringen können.

Nach einem schnellen Eis und einer nicht ganz so gut durchdachten Navigation von Mr Edge über einen Wanderweg, sind wir kurze Zeit später wieder auf dem Damm und rollen unseres Weges.

Und wenn sie nicht gestorben ist, so rollt sie noch heute

Obwohl sich die Landschaft immer wieder wandelt, die Sonne scheint und die Bauchschmetterlinge Mambo tanzen, gibt es doch wenig zu berichten. Ähnlich wie der 100 jährige Schlaf von Dornröschen, spulen wir gut gelaunt die ersten 100 Kilometer ab, während die Hecken um uns herum immer größer werden. Nach einem Kaffee in Belgien, der selbst die müdeste Prinzessin aus dem Schlaf geweckt hätte, verändert sich der Radweg jedoch stetig. In Kurven und mit leichten Anstiegen erobern wir Luxemburg und sind glücklich und stolz, als wir das Ende des Vennbahn-Radweges erreichen.

Die letzten hart umkämpften 12 Hügelkilometer bis an unser Hotel – einchecken, ausschlafen, fertig.

Spontan entdeckt man oft die schönsten Dinge

Nach Frühstücksei und Eierkuchen sitzen wir kugelrund am nächsten Morgen fest im Sattel. Geplant sind von Garmin 105 km mit 1200 Höhenmetern und ich habe geplant, das Ding irgendwie zu überleben.

Nach einer rasanten Abfahrt durchs Hügelland, landen wir auf einem Feldweg, der von groben Kieselsteinen bedeckt ist. Während ich mich in Schrittgeschwindigkeit wie bei einem Rodeoausritt fühle und mein kleines Rädchen die besten Dancemoves hinlegt, steuer ich die passenden oooh’s und aaaah’s und uiuiui’s bei. Als der unterspülte Weg dann auch noch steil bergab führt, entschließe ich mich mit hochrotem Kopf mein Rad zu schieben, während ich-warte-oben schon auf der nächsten Kuppe oben wartet.

Willkommen in den Ardennen

Zurück auf der sicheren Asphaltdecke führt die Strecke immer wieder steil bergauf (mit durchschnittlich 10% Steigung), nur damit ich kurz darauf wieder rasant bergab fahren kann. Kraxelei nennt man das Spiel, wobei Verflucherei in meinen Augen auch ganz gut passen würde. Ich entdecke wunderschöne Dörfer und kleine Städte, malerische Kirchen und traumhafte Waldstücke. Mit jedem Meter verändert sich die Landschaft und ich jauchze immer wieder begeistert auf. Einzig die harten Anstiege und rasanten Abfahrten bleiben die gesamte Strecke über bestehen. Bei Kilometer 50 passieren wir Stavelot und der heilige Fritürengott schenkt mir eine magische Portion Fritten, die mir neue Kräfte verleiht.

Die Reise geht weiter. Weiter an einer Rennstrecke, die mir fast einen Hörsturz beschert und über Schlaglochpisten, bei dem mein Gravelbike alles aus seinen Reifen herausholen kann. Ich zirkel um Autoschranken herum und rolle todesmutig an einem versteinerten Löwen vorbei.

Bei jedem Anstieg beginne ich erneut zu fluchen. Die Beine schlabbern in meiner Hose herum, während mein Kopf langsam aber sicher einen breiartigen Zustand annimmt. Die Kilometer ziehen ins Land, während das Land an mir vorbeizieht. Kilometerzählen – Wegträumen.

Nachdem ich nun zwei Tage froh war, keinen Podcast zu haben und die vielen französischsprachigen Schilder nicht laut aussprechen zu müssen, sind wir mit einem Mal und doch viel zu schnell zurück in Deutschland.

Kreuzung hier, Ampel da. Und schon ist das Ziel ganz nah.

Ich biege um die letzte Kurve und werde noch einem kurzen harten Anstieg belohnt, ehe ich ganz ohne Umfallkommando zurück am Startpunkt bin. Ein bisschen traurig, erleichtert und doch voller Hoffnung, dass mein kleines Gravel und ich noch viele weitere tolle Abenteuer erleben werden.

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Mit Rad und Pack und Sonnenbrille – Meine erste Bikepacking-Tour auf dem Vennbahn-Radweg

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