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Mit der Konzentration eines Eisbärs auf Fischjagd sitze ich auf meinem Gravelbike und holpere den wurzeldurchzogenen Singletrail herunter. Die Sonne glitzert zwischen den lichten Aprilbäumen hindurch und wirft helle Farbtupfer in die braungefärbte Schneise. Der Wind ist frisch und doch genieße ich jeden Kilometer. Zumindest bis zu dem Moment, als ich einen leisen Knall höre, gefolgt von einem Geräusch, dass sonst nur eine von Flatulenzen gebeutelte Dame von sich gibt. Der erste Platte – Mitten im Wald. Und in mir keimt der Gedanke auf, dass das Vorhaben nicht an mir, sondern der Technik scheitern könnte…

Ultraleicht-Zelt, Ultraleicht-Luftmatratze, Ultraleichte-Vorbereitung.

Osterzeit – Die Frühlingssonne kitzelt in der Nase und die innere Raupe wird geweckt. Es ist Zeit für neue Abenteuer, Zeit die Natur zu entdecken. So entschließe ich mich in einer Nacht- und Nebelaktion eine Bikepacking-Tour durchs Sauerland zu machen, abseits der gewohnten Pfade und mit ich-warte-oben an der Kette.

Taschen werden hervorgekramt und ultraleichte Dinge bestellt.

Für unsere erste Bikepacking-Tour durchs Dickicht entschließen wir uns eine bestehende Tour aus dem Internet abzufahren, in der die geballte Ahnung anderer Bikepacker steckt – mit 230 km und 5600 Höhenmetern. GPX-Daten und Hinweise zu Übernachtungsmöglichkeiten sind bereits vorhanden und so machen wir uns vergnügt an Taschentetris und Sockenmemory http://Sweet and Sauerland Bikepacking Route – BIKEPACKING.com

ein Ultraleichtzelt, zwei Luftmatratzen, zwei Schlafsäcke, Stirnlampe, Reparaturkit, Radcomputer, Powerbank, Brotlaibe mit Frischkäse (für alle Fälle), Reckenjacke, Trinkflaschen, Wechseltrikot, Feuchttücher und allerlei Kleinkram, der in die Lücken passt

Ein eiskalter Start

Da der Wetterfrosch vor einigen Jahren in Rente gegangen ist und sein Amt der Wetterfee überlassen hat, die seitdem gerne eine Überdosis Glitzerstaub inhaliert, fahren wir bei gut gelaunten 15 Grad in Richtung Sauerland los und kommen in kurzen Klamotten bei erfrischenden 6 Grad an. So starten wir eingepackt wie eine dicke Frühlingszwiebel die Navigation und finden uns kurz darauf im Wald wieder.

Meine Atmung geht ruhig und leicht, während ich im kleinsten Gang den Berg hinaufpedaliere. Meine Reifen rutschen auf dem losen Schotter weg und ich muss mich konzentrieren nicht das Gleichgewicht zu verlieren. Ich lasse den Blick über die kahl geschlagenen Berghänge gleiten, die der Tristesse der Landschaft das Antlitz eines Vintage-Passepartout verleihen. Bald ist der erste kleine Anstieg geschafft und über Wurzel und Stein geht es den Berg hinab. Kaum habe ich einen Gang nach oben geschaltet, finde ich mich kühmend im nächsten Anstieg wieder.

Früher war alles leichter – ich zum Beispiel

Während jedes kleinen Anstiegs hadere ich mit jedem Gramm Zusatzgewicht. Wir haben die Räder mit AGU-Taschen ausgestattet. Ich trage eine Satteltasche mit meinem Schlafsack und -utensilien (10l), das Reparaturkit oben auf und eine kleine Lenkertaschen mit Wertsachen und Elektronikkram (1,5l). So kommt mein Rad auf circa 15 kg. Ich-warte-oben darf den Packesel spielen und kutschiert eine Satteltasche, eine Rahmentasche in Größe S für unser karges Mahl und eine große Lenkertasche (17l) mit Schlafsack und Matratzen mit sich herum, so dass er bei circa 17+ kg auskommt.

Wir folgen weiter dem Track – Die meisten Wege sind leider durch die Forstarbeiten so aufgewühlt und zerfurcht, dass man nicht selten in Matschlöchern hängen bleibt, konzentriert über Äste und Baumrinde balanciert oder in Fahrspuren abgeworfen wird. Die einfachsten Stellen werden zu schwierigen Manövern und es gibt kaum einen Moment, den man einfach mal „rollen lassen“ kann.

Nach 40 km erreichen wir dankbar die erste offene Bäckerei – Aufwärmen, Nahrung tanken.

In den nächsten Stunden wird der Zustand der Straßen nicht besser und auch der Himmel verdunkelt sich zunehmend. Schon bald zieren blaue Flecken und der zarte Hauch von Stacheldraht unsere Beine. Abenteuer par excellence. Hinter einem Kloster führt ein ehemaliger Wanderweg den Berg hinab, der nunmehr eher einem Schlammparadies gleicht.

Während die Eine breit grinsend und mit hochrotem Kopf den Berg hinab schiebt, landet der Andere derweil mit Sack und Pack in einer Schlammpfütze, was wiederum dazu führt, dass die Eine eine Liveshow des Leiden Christi erleben darf, während der Andere die Spuren einer Wellnessanwendung vertuschen muss.

Bereits in der Dämmerung erreichen wir mit vollem Nudelbauch, der uns einen kleinen Umweg gekostet hat, ein Waldstück, schlagen routiniert wie ein Routinier unser Zelt auf und schlafen bald in seichtem Bassgewummer der Karfreitagsfeierlichkeiten ein.

Morgengrauen – Tag 2

Ohne Frühstück, dafür mit umso größerer Freude, starten wir in den nächsten Tag. Die Sonne blinzelt mir entgegen und ich blinzel zurück. Bereits auf den ersten 10 Kilometern bringen wir 500 Höhenmeter hinter uns, die Finger sind taub, die Tränen nah. Hochkonzentriert bleibe ich erneut im Schlamm stecken, werde in einer Spurrille fast von meinem Rad abgeworfen. Spüre mit einem Mal wie alle Dämme brechen. Tränenüberströmt steige ich vom Rad ab, beiße in ein erstes Notfallbrot, Wärme mir an meinem Bauch die Finger auf. Ich zweifel an mir, an meinen Fähigkeiten, am Unterfangen der ganzen Planung.

Wenn es leicht wär‘, würde es jeder tun.

In einem kleinen Gasthof, der eigentlich noch geschlossen hat, werden wir einige Kilometer später herzlich aufgenommen, bekommen Kaffee und dürfen uns Aufwärmen. Mit viel Herzenswärme und einigen Plätzchen kehrt auch langsam der Mut zurück. Und mit ihm auch die Freude, ein so tolles Abenteuer erleben zu dürfen.

Mit Glück im Gepäck und Sonne im Gesicht fahren wir schließlich weiter. Die Kilometer fliegen unter unseren Reifen daher, während sich ein immer größeres Lächeln in meinem Gesicht spiegelt. Wir klettern über Bäume und tanzen in der Sonne. Passieren den Kahlen Asten, nicht ohne neugierige Blicke zu kassieren.

Wenn dir Steine in den Weg gelegt werden – Draufstellen, Balance halten, Aussicht genießen und weitergehen

Es könnte nicht besser laufen – zumindest so lange, bis der Osterhase vor lauter Freude einen spitzen Stein im Reifen deponiert und fröhlich die Dichtmilch spritzen lässt. Ich unterdrücke mein Zweifeln und stimme in die gute Laune von ich-warte-oben mit ein, der mit wenigen Handgriffen den Reifen flicken konnte. Die Fahrt geht weiter. Über Wiese und Steine, Wurzeln und Ästen. Nach einem harten Anstieg entscheiden wir uns in einer Schutzhütte auf 815 m Höhe zu übernachten. Noch nicht ahnend, wie die Nacht verlaufen wird…

Um Akku zu sparen, schalte ich meist alle Funktionen aus, die mein ultraleichtes Hightechsmartphone zu bieten hat. Insbesondere Nachrichtenmeldungen jeglicher Art. So erfahren wir jedoch leider erst am nächsten Morgen, dass eine Wetterwarnung für die Nacht vorlag mit Bodenfrost und Temperaturen von -2 bis zu -7 Grad in Bodennähe.

Die Nacht ist kalt – verteufelt kalt. Als kleines Paket zusammengekrampft, versuche ich mit den Händen die Zehen zu wärmen, die jegliches Gefühl verloren haben. Wickel meine letzten Kleidungsstücke um mich, in der Hoffnung eine zusätzliche Wärmeschicht zu schaffen. Strampel viel und schlafe wenig. Frohe Ostern.

Der Morgen graut, die Hoffnung naht

Mit verkrampften Gliedern hieve ich meinen Schlafsack in die Sonne. Spüre das Blut durch meine Adern fließen. Mit Armlingen an den Beinen und Notfallbrot im Bauch starten wir in den Tag. Fahren durch verzauberte Blätterwälder und müssen kurz darauf erneut stoppen. Die geflickte Stelle muss erneut versorgt werden, doch der Reifen nimmt keine Luft mehr auf.

Wir lassen uns in den nächsten Ort rollen und versuchen es erneut. Beim Aufpumpen des Platten Reifens bricht schließlich das Ventil ab und das Ende ist nah. Wir haben weder ein Ersatzventil, noch eine Möglichkeit an Ostersonntag die Situation zu retten.

Jede Reise hat ein Ende

Mit Mc Café und Mc Maske sitzen wir im Zug. Spüren die sengende Hitze, die müden Glieder und den Stolz in uns Aufsteigen. In 3 Tagen haben wir 200 km mit 4600 Höhenmeter zurückgelegt, bunte Bilder und große Emotionen gesammelt. Und wissen, dass dies nicht die letzte Bikepacking Tour gewesen sein wird.

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Sweet and Sauerland – Die erste Bikepacking-Tour abseits der gewohnten Pfade

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