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Meine Füße wippen ungeduldig in der Enge des Sitzes, während ich aus dem Fenster starre. Der Gurt hält mich an die Lehne gepresst, als mir ein letztes Mal der grelle Lichtschein ins Gesicht schlägt. Mit einem leisen Lächeln verabschiede ich mich. Gefangen, zwischen vertrockneten Teebeuteln und Eisblumen, sehe ich innerhalb weniger Minuten ein letztes Mal die Sonne auf und wieder untergehen.

Für dieses Jahr, für diesen Moment.

Ich bin bereit. – Bereit, in das sanfte Dämmerlicht der Polarnacht zurückzukehren.

Tromsö ist eine Stadt in Nordnorwegen, die 344 km nördlich des Polarkreises liegt. Sie gilt als eines der größten städtischen Gebiete oberhalb des Wendekreises und ist ein beliebter Anlaufpunkt für Ausflugstouren und Kreuzfahrtschiffe. Aufgrund ihrer geographischen Lage herrscht in Tromsö von Ende November bis Mitte Januar die Polarnacht. Das bedeutet, dass die Sonne nicht sichtbar auf- und wieder untergeht, sondern den Himmel nur für einige Stunden in eine Art Dämmerlicht taucht, bis gegen 14 Uhr die Dunkelheit hereinbricht.

Langsam sinkt das Flugzeug über dem mattschwarzen Fjord, der von unzähligen Eisbergen umringt wird. Das entfernte Sonnenlicht sendet einen letzten glutroten Schein und vermischt sich mit der hellen Beleuchtung der Stadt, die sekündlich näher kommt. Landeanflug. In viel zu hoher Geschwindigkeit setzt das Flugzeug auf, schafft es kaum auf der glatten Fahrbahn zu stoppen. Bremsqualm wird in die Kabine gezogen. Und während sich unter den Passagieren Unruhe breit macht, legt sich über mich ein Gefühl der Stille und des Angekommen Seins.

Was zuvor geschah

Als ich im Januar 2022 ein erstes Mal für wenige Tage auf der Halbinsel in Tromsö war, Huskytouren und Schneemobilfahrten machte, flog ich mit einer Träne im Auge und dem Gefühl nach Hause, etwas unvollendet zu lassen. Einen kleinen Teil meines Herzens ließ ich zwischen Eisbergen und Farbenspiel gefangen. Ich hatte das Bedürfnis zurückkehren zu wollen und einen Abschluss zu finden. Vielleicht. Oder aber auch die Liebe in ein Land aufleben zu lassen, das sich wie eine andere Welt anfühlte.

Nun, nach so wenigen Monaten wie ich Finger und Nasen habe, wieder dort angekommen zu sein, war nicht nur metaphorisch eine Runde Sache, sondern auch der Abschluss eines zehrenden Jahres. Und so betrete ich den vereisten Flugplatz mit einer großen Dankbarkeit, bei der mich nur das Bild mit dem Gesicht am Boden festzukleben, davon abhält, die blanke Eisfläche zu küssen…

Leuchtendes Trubeltreiben

Mit dem Flughafenbus der 12€ pro Person kostet und damit ab zwei Personen teurer als jedes Taxi ist (20€), erreicht man in wenigen Minuten die wunderschöne kleine Innenstadt. Lichterketten säumen die Fußgängerzone und man bekommt schnell das Gefühl, die Menschen wollen mit hellen Lichtern und leuchtendem Baumschmuck der ewigen Dunkelheit ein Ende setzen. Ich gehe am Hafen entlang und höre schon von Weitem die Musik der kleinsten Bar der Welt mit den wiederum besten Hotdogs der Galaxie. Ich ziehe an der Läuferstatue vorbei und betrete die Tromsöbrücke, die mich ans andere Ufer der Stadt bringt – auf das Festland von Norwegen.

Dauermüde oder dauerwach?

Eine Frage der Sichtweise

Mittlerweile ist es Abend geworden. Während ich mich in Tromsö gegen 15 Uhr an vielen Tagen am liebsten todmüde einrollen würde, sich alles nach Abendstimmung anfühlt und ich kaum erwarten kann, mich bettfertig zu machen, bin ich gegen Abend voller Tatendrang. Da es tags wie nachts düster ist, spielt die Uhrzeit kaum eine Rolle. Und so kommt es, dass wir den Aufstieg auf den Hausberg von Tromsö (Storsteinen) über 1300 verwehte Treppenstufen nicht etwa bei Tag wagen, sondern uns um 18 Uhr auf den Weg machen.

Die Eismeerkathedrale

Die Sherpatreppen

Der Berg Storsteinen (421m Höhe) wird oft nur mit der Seilbahn „Fjellheisen“ in Verbindung gebracht, die Heerscharen von Touristen bis 1 Uhr nachts auf die kleine Erhebung bringt.

Preis 345 NOK (ca. 34 €) für Hin- und Rückfahrt

Fahrzeiten: alle 30 min, je nach Tageszeit lange Wartezeiten

Neben der Möglichkeit mit dem Aufzug zu fahren, gibt es jedoch auch zwei Fußwege, die auf den Gipfel führen, im Winter nur schwer und mit Vorsicht zu begehen sind. Eine Möglichkeit sind die Sherpatreppen, die in einer circa 2 km langen Wanderung zu der Seilbahnstation führen. Eine zweite Möglichkeit ist ein circa 6 Kilometer langer Wanderweg, der zunächst oberhalb des Fjords entlang führt und schließlich nach einem steilen Aufstieg ebenfalls zur Seilbahnstation führt. In völliger Einsamkeit kann man hier den wunderschönen Ausblick über die Stadt genießen. So sind beide Wege im Winter eine großartige Erfahrung, Trittsicherheit vorausgesetzt.

Zurück zu den Sherpatreppen

Wenige Fußspuren weisen uns den Weg, der nur durch gelegentliche Hinweisschilder und die breite Schneise zwischen den Bäumen erkennbar ist. Mühselig stapfen wir durch tiefen Schnee, ziehen uns an Zweigen und Ästen empor. Ich rutsche auf der glatten Fläche, mache einen Schritt vor und rutsche kurz darauf zwei wieder zurück. Es ist mühselig. Hinter mir türmt sich die imposante Kulisse der Stadt auf, während ich versuche die Spuren von ich-warte-oben im zarten Lichtkegel auszumachen. Obwohl nur wenige Höhenmeter vor uns liegen, rinnt mir der Schweiß über den Rücken. Die Schneemassen türmen sich wie eine Wand vor mir auf und nur gelegentlich können wir Stein im dichten Weiß erahnen.

Wir ziehen weiter. Ich verliere mich in dem Blick von Lichtern und Schneebergen. Atme die kalte Luft ein und ein Lächeln huscht über mein Gesicht. Als wir die Baumgrenze erreichen, schlägt uns eisiger Wind ins Gesicht, der alle Schneespuren verschluckt hat. Ich sinke bis zur Hüfte in weichen Schnee ein, während wir versuchen einen Weg auszumachen. Tastend bewegen wir uns voran, darauf bedacht, keinen falschen Schritt zu machen. Unter Lachen und Schnaufen kreuzen wir die Hochebene, bis wir den Rand einer Treppenstufe erkennen können. Erleichtert und mit tauben Fingern kämpfen wir weiter gegen den Wind an. Hinter einer Kuppe sehen wir die Aufzugstation des Fjellheisen Aufzugs.

Egal was die Frage ist, Schokolade ist die Antwort.

Mit warmen Gedanken an heiße Schokolade, schleppe ich mich zur Tür und ziehe vorsichtig daran.. Verschlossen. Geschockt blicke ich auf die Uhr – Eigentlich müsste die Station noch geöffnet haben. Eigentlich.

Doch auch die zweite Tür gibt keinen Millimeter nach. Etwas unschlüssig drehe ich mich im Kreis. Kann die heiße Schokolade förmlich riechen. Wanderer, die ebenso wie wir durch das weiße Nichts geirrt sind, erklären uns, dass die Aufzugstation momentan aufgrund der Wetterbedingungen geschlossen ist (Anm. d. R.: was sie auch die nächsten Tage bleiben wird). So machen wir uns hungrig und ohne Spikes an den Abstieg des Bergs. Und ich mache die Erfahrung, dass man eine Snowboardabfahrt auch ganz ohne Snowboard machen kann und lasse mich unter laute, Jauchzen seitlich den Weg hinabgleiten.

Mit verquollenen Augen falle ich in einen tiefen Schlaf. Und werde viel zu bald vom Wecker zurück in die Finsternis geholt. Der erste Ausflug wartet auf mich.

Fortsetzung folgt

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Tromsö – Eine Rückkehr in die Polarnacht (Teil 1)

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2 Gedanken zu „Tromsö – Eine Rückkehr in die Polarnacht (Teil 1)

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