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Es war einmal

Es war einmal ein zauberhaftes Rehlein, das in einem wunderschönen Wald lebte. Am liebsten hüpfte es durch Wälder oder über Wiesen und ward nie Müde davon. Kein Stein war ihm zu steil und keine Klippe zu hoch. So sprang es fröhlich und unbesorgt seiner Wege. Bis es eines morgens erwachte und merkte, dass ihm vom vielen Laufen und Springen die Beine wehtaten…

Wer viel Sport macht (oder es sich zumindest fest vornimmt :-)), wird irgendwann auch mit dem Thema Verletzung oder Überlastung konfrontiert. Obwohl die Verletzung in der Regel kein Weltuntergang ist und der Körper oft nur ein bisschen Zeit zum Heilen und Regenerieren braucht, fühlt es sich für einen selber doch ziemlich nach einem Weltuntergang an. Oder anders gesagt: Mit einem Mal wird das in freier Wildbahn lebende Rehlein zu einem eingesperrten Tiger.

Draußen wären die perfekten Bedingungen für eine Radtour oder einen wunderschönen Longrun. Die Sonne lacht, die halbe virtuelle Welt erlebt gerade die schönsten Lauferlebnisse und selber muss man das Sofa hüten. Der Käfig wird mit jedem Tag kleiner und die graue Wolke über dem Kopf tagtäglich größer.

„Jeden Tag, den du hier rumsitzt, wirst du nur schlechter“, spricht der kleine Teufel, der scheinbar das Steuer über die graue Wolke übernommen hat.

Und obwohl das alles nicht dramatisch ist, fühlt man sich eingeschränkt, einsam und hat das Gefühl ständig etwas zu verpassen. Tigert auf und ab und meint, die Welt nur durch eine mit Händen verschmierte Glasscheibe sehen zu können. Dazu mischt sich die Sorge, dass vielleicht doch alles nicht so schnell abheilt und man nun ewig in den selbst geschaffenen Käfig eingesperrt ist. Da ist es kein Wunder, dass der Tiger irgendwann kein flauschiges Schmusekätzchen mehr ist, sondern eher wie ein wild gewordenes Raubtier agiert. Von dem Gedanken geleitet, dass es doch eigentlich kaum mehr weh tut und man ja auch nur mal ganz kurz einen klitzekleinen Laufversuch starten möchte, unternimmt der Tiger seinen ersten Ausbruchsversuch. Kurzerhand wird der Wassergraben überwunden, die Laufschuhe angezogen und man findet sich mit einem Mal mitten auf der Straße wieder. Doch was eben noch so verlockend war, sieht mir einem Mal eher ein bisschen beängstigend aus: Das Wetter ist nur halb so strahlend, wie es durch die Glasscheibe aussah und die freie Wildbahn kommt einem plötzlich gefährlich und ungewiss vor. Ob das eine gute Idee war?

Der Tiger macht die ersten Schritte und verwandelt sich langsam in ein wunderschönes Reh, das jedoch Stöckelschuhen an jedem der vier Hufe zu tragen scheint. Laufen hatte es irgendwie anders in Erinnerung. Während das Reh noch damit beschäftigt ist, alle Gliedmaßen in Reih und Glied zu bewegen, machen sich doch wieder die alten Schmerzen bemerkbar. Verdammt. Reumütig streift sich das Reh die Streifen wieder über und klettert in den Käfig zurück. In dem Wissen, dass es für einen Ausbruch noch nicht bereit ist.

Befreie den inneren Tiger in dir!

Jetzt könnte man an dieser Stelle einen wunderschönen Leitfaden schreiben, wie man bei Verletzungen vorgehen sollte – Bestandsaufnahme, Arzt, Salben, Kühlen, Hochlegen. Außerdem natürlich der Hinweis, sich mit der Blackroll zu Vergnügen (die gehört heutzutage schließlich fast zu den Standardtipps). Doch all das, besänftigt letztendlich nicht den inneren Tiger in dir.

Deshalb gilt:

Alle Kinder packen den Tiger am Kopf. Nur nicht Franz. Der packt ihn am Schwanz.

Sei ein kluges Kind und nicht wie Franz: Fang mit dem Kopf an. Wisch die handverschmierte Glasscheibe sauber, damit du freie Sicht aufs Leben hast. Gestalte dir den Käfig so schön du kannst, denn es steckt mehr in einem Tiger als es die Sträflings-Streifen vermuten lassen. Und vergesse niemals: Wer den Tiger weckt, braucht sich nicht wundern, wenn der Tiger brüllt.

In diesem Sinne wird sich der Tiger bestimmt bald wieder in ein zauberhaftes Rehlein verwandeln. Und wenn der Tiger nicht gestorben, so tippt er noch heute.

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Verletzt und zugenäht. Oder aber: Erwecke nicht den Tiger in dir.

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2 Gedanken zu „Verletzt und zugenäht. Oder aber: Erwecke nicht den Tiger in dir.

  1. Auf sich und seinen Körper hören ist wichtig. Geduld mit sich selbst zu haben ist die schwerste Disziplin. Ich selbst brauchte auch 3 Anläufe bis ich sagen konnte, es läuft halbwegs wieder. Also lass die Türe gleich auf, wer weiß.. Die Sonne scheint sicherlich bald herein.

    Und nebenbei, wundervoll geschrieben.

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