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Das Kreuz ragt bedrohlich zwischen einer Nebelwand hervor und erscheint mir mit jeder Sekunde unerreichbarer. Schweiß rinnt in meine Augen und tropft auf den kargen Felsboden unter mir. Während ich meine Stöcke mit einer Inbrust in den Boden hämmere, um die mich jeder Bauarbeiter beneiden würde, bleibe ich mit einem Fuß an einer Wurzel hängen. Schneide mir meine kompletten Schuhoberseite der Länge nach auf. Und als ich innerlich laut losfluche, frage ich mich, warum ich nicht einfach mal einen normalen Hotelurlaub buchen kann…

Salomon 4 Trails – It’s time to play

4 Trails – Das ideale Etappenrennen für Einsteiger. So heißt es zumindest in der Überschrift, die schwarz auf weiß über wunderschönen Berglandschaften geschrieben steht. Und da ich bekennenderweise noch ziemlich grün hinter den Trailohren bin, scheine ich endlich mein Tor in die Bergwelt gefunden zu haben.

Die 4trails sind ein fortlaufendes Etappenrennen mit dem Ziel innerhalb von vier Jahren den Gardasee zu erreichen. Während im Jahr 2019 bereits das erste Teilstück von Seefeld nach Imst abgelaufen wurde, soll nun im Jahr 2021 das zweite Teilstück von Imst nach Nauders belaufen werden. In 4 Tagen auf 4 Etappen – auf insgesamt 108 km und mit ca. 6700 Höhenmetern.

Wenn das nicht nach Spaß klingt, dann weiß ich es auch nicht.

Imst – 30 min vor dem Startschuss. Mit klopfendem Herzen stehe ich mit circa 370 anderen Teilnehmern in der Schlange der Gepäckkontrolle und gehe in Gedanken die lange Packliste durch.

Verbandsmaterial, Desinfektionsgel, Regenkleidung, Mütze, Handschuhe, Getränke, beschriftete Riegel und Startnummer. Nicht zu vergessen, das Smartphone mit der eingespeicherten Notfallnummer und dem GPS-Track.

Alleine beim Packen habe ich mir das eine oder andere Mal fast in die Hose gemacht, aus Sorge etwas zu vergessen – nicht zugelassen zu werden. Und nun stehe ich hier blöd grinsend neben anderen Leuten, die man sonst nur auf coolen Trailbildern in den Bergen sieht und bin mir mit einem Mal nicht mehr so sicher, ob „nicht zugelassen“ vielleicht doch die bessere Alternative wäre.

Die Sekunden verrinnen. Vor mir ragt die imposante Kulisse der Berge auf, zwischen denen der feuchte Dunst warmen Nebels emporsteigt. Mein Herz schlägt im Rhythmus des Countdowns mit, der sich unerbitterlich der Startzeit nähert. Die Füße kribbeln vor Aufregung und ich merke, wie sehr ich dieses Gefühl vermisst habe. Startschuss. An applaudierenden Kindern vorbei, hetzt die Meute durch die Stadt – und ich hinterher. „Einlaufen“ nennt sich das Spiel und wird, wie ich im Nachhinein erfahre, nicht mit in die Wertung eingehen. Doch davon ist im Moment nichts zu spüren – wir sind im Rennmodus.

Etappe 1 – von Imst nach Wenns

25,5 km mit 1850 hm Anstieg und 1600 hm Abstieg

Nach den ersten 5 km geht es hinter einer Bahntrasse mit einem Mal steil bergauf. Da ich vermutlich in der Bergwertung einen Preis als langsamste Bergan-Geherin der Welt gewinnen könnte, war ich so geistesgegenwärtig mir rechtzeitig Stöcke anzuschaffen. Jedoch nicht, sie vorher auszuprobieren.

Während ich noch aus den Augenwinkeln beobachte, was die anderen mit diesen Stöcken eigentlich so tun, versuche in meinen eigenen Rhythmus zu finden. In einer Mischung aus Skilangläuferin und Nordic-Walking-Königin führt es mich über breite Forstwege und durch schmale Pfade den Berg hinauf. Nach zwei weiteren Kilometern erreiche ich den ersten Verpflegungspunkt und bin erleichtert, nicht jetzt schon in die CutOff Zeit zu rutschen (die im Nachhinein zum Glück ziemlich locker berechnet wurden).

Mit Stock und Melone im Hals, geht es weiter bergan. Es ist ein warmer Tag und die Sonne brutzelt auf der Haut. Ich lasse meinen Blick über Kuhweiden und Berghänge schweifen und tausche kurze Wörter mit anderen lieben schaufenden Menschen aus. Auch mein Ich-warte-oben wartet immer wieder oben auf mich und ich bin froh, in ein vertrautes Gesicht blicken zu können.

Strand Urlaub, wo bist du?

Das Gelände wird mit jedem Meter schroffer. Nebel hüllt mich ein, während uns Felsen wie eine karge Wüstenlandschaft umgeben. Ich beginne vor Erschöpfung zu stolpern. Merke, dass mir die Energiereserven ausgehen. Als das Gipfelkreuz (2430m) näher kommt und ich-warte-oben bereits in weiter Ferne ist, bleibe ich kurz stehen und blicke gegen eine einzige Nebelwand. Kalter Wind umringt mich und ich spüre, wie sich unter meiner salzverkrusteten Haut feine Härchen aufstellen. Ich atme tief durch. Merke mit jedem Meter, den ich weiter emporsteige, wie die Verzweiflung in mir wächst. Ich stelle mich selber in Frage, weiß nicht, warum ich hier bin.

Ich muss niemandem etwas beweisen – und doch meine eigenen Ansprüche erfüllen

Ich möchte mein Bestes geben, stolz auf mich sein. Und so laufe ich vorsichtig über den Grat und kämpfe mich weiter voran. Als ich endlich den Mann mit der Glocke sehe (*der Veranstalter wartet mit einer Kuhglocke am höchsten Punkt der Strecke und feuert jeden Läufer persönlich an) geht mein Herz fast über vor Freude.

Manchmal kann es nur abwärts gehen

Während ich über den losen Kies rutsche und meine aufgeschlitzten Schuhe mir keinen festen Halt mehr geben, eier ich ziemlich auf den ersten alpinen Downhill-Metern herum und frage mich, wo ich die Bewerbung für die Hauptrolle beim Entchentanzen wohl abgeben könnte. Ich schimpfe und hadere mit mir und versuche doch konzentriert den besten Weg zu finden – „sauber zu laufen“

Erst als der Kies weniger wird, die Felsen kleiner und schließlich die Baumgrenze erreicht ist, weiß ich, dass ich hier her gehöre.

Mit schnellen Schritten fliege ich über Wurzeln und Felsen, jauchze und springe. Ich balanciere über Holzplanken und weiß, dass es nicht mehr weit sein kann. Bergpfade weichen Forstwegen, Kuhweiden werden zu Bauernhäuser. Die Kilometer rasen auf meiner Uhr herunter. Und während es noch ein letztes Mal über eine Straße geht, höre ich schon Weitem den Zielsprecher.

Fotofinish?

Obwohl ich schon nicht mehr damit gerechnet habe, sehe ich kurz vorm Ziel meinen ich-warte-oben dahertingeln. Mit letzter Kraft will ich zu ihm aufschließen, um gemeinsam den ersten Etappenbogen zu passieren. Doch obwohl es im ganzen Rennen absolut egal war, wer auf welcher Position läuft, fühlt sich ich-warte-oben nun angestachelt, sich nicht auch noch direkt vorm Ziel von irgendjemandem einholen zu lassen. Und so rast er wie Roadrunner über die Linie und ich wie von der Tarantel gestochen hinter ihm her, ehe er realisiert, wer ihm da auf den Fersen ist.

Lachend sitzen wir beide bei Tiroler Cola, Apfelstrudel, Quarktopfen und mit qualmenden Füßen im Ziel. Ich bin stolz darauf, die erste Etappe in den Bergen geschafft zu haben, nicht als letzte (sondern ziemlich im Mittelfeld) ins Ziel gekommen zu sein und außer einem Paar Schuhe keine Blessuren davon getragen zu haben.

Und freue mich innerlich schon auf Tag 2 der 4trails.

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4trails 2021 – Mein erster Etappenlauf in den Bergen (Teil 1)

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3 Gedanken zu „4trails 2021 – Mein erster Etappenlauf in den Bergen (Teil 1)

  1. Laut lachend und mitfühlend konnte ich jeden Meter noch einmal spüren! Danke für die großartigen Zeilen und ich freue mich schon jetzt dir nächstes Jahr hoffentlich wieder zu begegnen – auf den Trails und auf den After Trails😉…. Und jetzt genieße ich Teil2😃

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