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6.15 Uhr – Toilettenschlange. Ungeduldig trete ich von einem Fuß auf den anderen, während sich der große schwarze Zeiger bedrohlich der Startzeit nähert. Aufregung mal anders. Die Stecknadelknöpfe im Gesicht, die im Normalzustand als Augen bezeichnet werden, sind noch nicht ganz geöffnet und als ich dem sanften Gurgeln der nächsten Toilettenspülung lausche, erscheint mir der Gipfel noch ziemlich fern.

Online Briefing Tag 2 – Da ich mich gefühlt in einer anderen Welt befinde, aber auch hier das nette C-Virus existiert, gibt es statt Pasta Party und Diashow, Zimmerparty und Essensgutschein. Obwohl man außer Maske im Startbereich und für alle nicht-geimpften ein Testergebnis alle zwei Tage vorlegen muss (was sich in einem kleinen Bergdorf manchmal schwieriger als gedacht gestaltet), merkt an sonst nur wenig vom großen Corona-Tamtam. Doch so erhalten wir jeden 4trails Abend pünktlich wie die Kirchenmaus einen Link mit einem Online-Briefing zur nächsten Etappe – mit den wichtigsten Eckdaten und den Bildern des Tages.

Startzeitverlegung- Unwetterwarnung

Etappe 2 – Von Wenns nach Ried (im Oberinntal)

26 km mit 1500 hm Aufstieg und 1600hm Abstieg

Mit einer zusätzlichen Regenhose im Gepäck, geht es mehr schlafend als wach um 6.30 Uhr über die Linie. Ohne ich-warte-oben-auf-dich, denn die Startblöcke wurden nicht nach Zeiten, sondern nach Platzierung in der Altersklasse sortiert.

Man muss nicht immer alles verstehen – lieb haben reicht schon.

Natürlich vergesse ich prompt meine Uhr zu starten und frage mich, ob ich den Tag nochmal von vorne beginnen darf.

Nach einigen Einlaufmetern, zieht uns die Strecke langsam in Richtung der Berge. Ich atme die frische Morgenluft ein, lasse meinen Blick über Wiesen und Weiden schweifen. Der Nebel steht tief zwischen einzelnen Hütten und in mir macht sich das Gefühl von Urlaub, von Ankommen breit. Ich freue mich über die wunderschöne Umgebung und bin stolz darauf, ein Teil der kleinen Lauffamilie zu sein. Am ersten VP (Verpflegungspunkt) vorbei, wird der Weg steiler. Ich folge einem verschnörkelter Single-Trail bergan durch den Wald. Unter dem lauten Läuten der Gipfelglocke, die durch das ganze Tal schallt, vergeht die Zeit wie im Flug. Die Sonne scheint warm auf mein Gesicht und obwohl das Starterfeld nicht gerade klein ist, begegnet man doch immer wieder den gleichen Läufern. Und kommt schnell-schnaufend ins Gespräch.

Heidi, Heidi – Deine Welt sind die Berge

Langsam aber sicher scheint mir diese Sache mit den Bergen zu gefallen. Ein breites Strahlen zieht sich über mein Gesicht, während ich auf einem Höhenweg über Felsen und Steine hüpfe. Gefolgt von einem traumhaften Downhill, auf dem ich mit mit vielen tausenden Tippelschritten bergab fliege. Während ich mich heimlich wie die Königin des Downhills fühle, kommt der nächste VP schon viel zu bald. Flaschen auffüllen – Melone tanken.

Erst 6, dann 3 -2- 1- Ziel

Im Tal brennt die Sonne heiß auf den Asphalt, während ich versuche meine Uhr zu hypnotisieren. 6 km sagten die Helfer und nachdem ich nach 5 km das „Noch 3 km“ Schild fand, war ich innerlich der Apokalypse nah. Fast schon erleichtert fand ich nach drei weiteren Kilometern endlich das „Noch 2 km“ Schild, ehe ich mich weiter mühsam über einen Fußweg schleppe.

An einer kleinen Brücken-Überführung bohrt sich das Gefühl in meinen Kopf, einen weiteren Gipfel überqueren zu müssen. Wie eine Verrückte versuche ich mich wie beim Skilanglauf während des Laufens mit beiden Stöcken hochzuziehen, damit ich bloß nicht ins Gehen falle. Passanten beäugen mich misstrauisch und ich kann innerlich auch nur den Kopf über mich schütteln. Doch das Ziel scheint einfach nicht näher zu kommen. Verzweiflung breitet sich in mir aus. Ich quäle mich auf einem Radweg weiter, werde fast von zwei selbsternannten Radprofis über den Haufen gefahren. Und als ich die Hoffnung schon beinahe aufgegeben habe, liegt er mit einem Mal vor mir: Der Zielbogen. Von zwei lieben Bekannten angefeuert, die plötzlich und einfach da sind, laufe ich 10 Kieselsteine leichter um’s Herz über die Linie. Und freue mich, dass es hier nicht nur tolle Überraschungsgäste gibt, sondern heute sogar heiße Pommes.

Mach‘ dich mal zum Horst

Da es für uns der erste offizielle Etappenlauf ist, haben wir uns entschieden mit einem organisierten Unternehmen zu reisen. Die fünf Nächte verbringen wir in zwei verschiedenen Hotels (zunächst in Imst, dann in Nauders), die jeweils von Shuttlebussen angefahren werden. Da wir die ersten beiden Nächte alle gemeinsam in einem größeren Stadthotel verbracht haben, sind wir ein bisschen traurig, als wir hören, dass das 4trail-Grüppchen in unterschiedliche Hotels aufgespalten wird. Nach kurzem Hin und Her und der Suche nach einem Horst, sind wir jedoch froh, als wir kurz darauf im Bett liegen, während draußen die Welt untergeht.

Ein Tag wie er im Buche steht

Tag 3 – Mitten in der Nacht wache ich mit einem mulmigen Gefühl in der Magengegend auf – Und darf mit Schrecken feststellen, dass ich mich auch am nächsten Morgen noch nicht besser fühle. Ich schleppe mich von Bett zu Bad und weiß nicht, ob ich mich übernommen habe oder einfach nur hungrig bin. Und wenn man als große Frühstücksfanatikerin selbst bei frischen Brötchen und Kaffee kaum einen Bissen herunterbekommt, blickt man doch ein wenig sorgenvoll in den Tag.

Etappe 3 – Von Ried nach Pfunds

27,6 km mit 1500 hm Aufstieg und 1400 hm Abstieg

Mit dem leidvollen Gedanken, dass mich ein Bus über eine halbe Stunde durch die Berge kutschieren wird, ehe die schwierigste Etappe des Rennens anstehen soll, steige ich mit mehr Galgen als Humor in den Bus ein. Stelle jedoch dort erleichtert fest, dass ich mich mit jeder Kurve mehr nach mir selber anfühle. Die drei Startblöcke laufen im fünf-Minuten-Takt los und ich etwas unsicher mittendrin. Es geht direkt über einen schmalen Weg den Berg hinauf und bald darauf bildet sich hupend ein Stau – Wochenendverkehr mal anders.

Wir laufen über eine wellige Hügelstrecke mit vielen kleinen Trails durch das Tal. Ich freue mich, dass mir immer die gleichen netten Menschen über die Füße laufen und schiebe jeden Leistungsgedanken von mir weg. Nach einem kurzen Stück über eine Straße, führt uns die Strecke über einen Forstweg in Serpentinen den Berg hinauf. Der Schweiß rinnt über das Gesicht. Ich versuche immer wieder ein Stück von meinem Riegel zu essen, der sich fad und in meinem Mund nach immer mehr anfühlt. Ohne Melonenpower passiere ich den ersten VP und erwische mich kurz darauf, wie ich mit netten Kuhdamen in Verhandlung stehe, ob sie mich ein Stück des Weges mitnehmen könnten. Nachdem mir die erste Kuh mit der Zunge den Stock klauen möchte und sich die zweite an meiner Hose zu schaffen macht, suche ich jedoch schnell das Weite.

Wie Sie sehen, sehen Sie nichts.

Am Nebel-Gipfelkreuz vorbei, führt mich ein Single-Trail über matschige Wiesen und feuchte Wälder. Ziemlich einsam auf weiter Flur folge ich den orangen Markierungen, die selbst ein Verläuferwesen wie mich auf der Strecke halten.

Ich komme gut voran, fühle mich wie ein altes Bergkaninchen, das in geregelten Bahnen läuft. Ich springe und hüpfe. Die Unsicherheit des Morgens ist wie weggeblasen und obwohl ich mich etwas kraftlos fühle, spüre ich doch, wie mich mehr und mehr die Begeisterung packt. Die Wurzeln unter meinen Füßen sind rutschig, die Steine von einer feinen Nässe überzogen. Immer wieder sieht man Schlitterspuren von Läufern, die im Schlamm zur Seite gerutscht sind. Ich grinse in mich hinein, balanciere über schmale Holzplanken. Und bin fast enttäuscht, als der Downhill beginnt.

Mit wedelnden Ärmchen tippel ich über nasse Wiesen und Schotter bergab. Voller Konzentration versuche ich wieder ein paar Meter gut zu machen. Entdecke immer mehr Mitläufer, mit dreckigen Hinterteilen und schlammverschmierten Beinen. Am VP 2 atme ich kurz durch, schaffe es endlich etwas zu essen und fliege weiter einen geteerten Weg den Berg hinab. Verwirrt, dass die Etappe schon vorbei sein soll, laufe ich breit grinsend in strahlendem Sonnenschein durch Pfunds und erreiche glücklich unter vier Stunden das Ziel.

Weniger feucht – mehr fröhlich

Kurz darauf sitze ich lachend mit neuen tollen Bekanntschaften bei Leberkas-Semmel und Ofenkartoffel auf dem Treppchen, Tiroler Cola in der Hand und der Sonne im Gesicht. Auf der Rückfahrt verabreden wir uns für den Abend in einem ominösen pinken Lokal, der zwar nicht so feucht, dafür aber umso fröhlicher wird. Ganz viel Stimmung – ganz viel Gemeinschaft. Mit viel Herz und noch mehr Freude, sind wir uns einig, dass wir morgen den Grundstein für unsere Bergauf-Skilanglaufkarriere legen werden. Und stehen schon bald feixend am Zielbogen des nächsten Tages mit dem Wissen, dass die letzte Etappe nicht mehr weit ist.

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4trails – Über alte Skistockweisheiten und neue Bekanntschaften. Mein erster Etappenlauf in den Bergen (Teil 2)

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4 Gedanken zu „4trails – Über alte Skistockweisheiten und neue Bekanntschaften. Mein erster Etappenlauf in den Bergen (Teil 2)

  1. Toller Beitrag und man fühlt mit bei jedem Schritt. Und das mit dem Magen kenne ich. Belastung und Nervosität auf das kommende ist in Kombination manchmal nicht gut.

    Aber das Bergkaninchen hat die Tour ja gemeistert 💪 Weiter so.

    LG Marco

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