5
(14)

Tag 28 – 4 Wochen, 1 Monat oder ein Zwölftel des Jahres, in das man so große Hoffnungen gesetzt hatte, sind vergangen. Zeit genug, um Trümmer wegzuschaffen, die äußeren Fassaden freizulegen und damit all‘ die tiefen Wunden zu offenbaren, die die Flut hinterlassen hat.

Über eine Welt nach der Helferwelle

Krise überstanden, Katastrophe vorbei – Zumindest so lange, wie man den offiziellen Medien glaubt. Nach den ersten drei Wochen sind die Bundespolizei, die Bundeswehr und die Notfallseelsorger abgereist – das THW und rote Kreuz sind weiterhin verfügbar. Und obwohl immer noch Sachspenden eintreffen und Menschen Anteil nehmen, fühlt man sich doch irgendwie allein gelassen zwischen Schutt und Schüppe.

Die Stadt leert sich mit jedem Tag, von den vielen Helfern fehlt zumindest hier jede Spur. Die Schaufenster sind zugenagelt, kaputte Zuwege durch Planken markiert. Manches Haus ist mit Absperrband abgesichert und Straßengräben notdürftig geflickt.

Während einige sich mit Stemmhammer und Hammerkraft an die Arbeit machen und zumindest den Anschein erwecken, als wüssten sie, was sie tun, sehen andere schwarz – oder braun, denn die Farbe findet sich nach wie vor an den meisten Wänden wieder.

„Was ist Estrich und wie weiß ich, ob ich das im Keller habe?“

Obwohl ich mich zwar manchmal in der heimischen Facebook-Gruppe wie einem Bravo – Dr. Sommer-Verschnitt fühle, wird einem doch erst dadurch die Tragweite bewusst: Estrich und Putz müssen abgestemmt werden, damit Balken und Steine trocknen können. Unternehmen sind zum Großteil nicht verfügbar. Und während der eine verständnisvoll nickt, überlegt der andere, ob er „dieses Estrich“ denn auch in seinem Haus hat. Frauen stemmen Böden aus, Männer stützen Wände ab. Bautrockner sind heiß umkämpft und doch nicht zu kriegen. Nebenbei stapelt sich der Bauschutt fröhlich in Vorgärten, da es momentan keine Lösung gibt, diesen zu entsorgen. Und während einem zwischen Tür und Angel geraten wird, die Zeit zu nutzen, um Müll zu sortieren, sortiert sich bei anderen das gesamte Leben in eine Kiste.

Die Politiker geben sich die Klinke in der Hand, während im Ort die Klinker klingen

Herzstichmomente

Nach und nach fällt nicht nur der Putz von den Wänden, sondern auch die Fassade aus dem Gesicht. Nach Wochen des Funktionierens, gesteht mir eine Freundin, dass sie keine Nacht mehr durchschlafen kann. Immer wieder sieht sie Bilder im Kopf, wie sie in tiefster Nacht mit einer Kerze die Treppe beobachtet, an der Stufe für Stufe das Wasser emporsteigt. Dass sie nachts ständig hochschreckt, weil sie meint Wasser neben sich plätschern zu hören – Von der Angst vor Regen und der Flucht vor dem brechenden Damm.

Nach dem Funktionieren, kommt das Realisieren.

Jeder scheint sein eigenes Päckchen mit sich herumzutragen. Es gilt Bilder zu verarbeiten und die Normalität wiederzufinden. Und so sehr ich mich bemühe, stark zu sein, so schwer ist es doch, mich selber zurückzunehmen. Zuzuhören und niemandem an den Hals zu springen, der meint sich mit irgendwelchen Gutscheinen vor der Kamera zu positionieren, um sein Charma aufzubessern. Es tut weh, geliebte Menschen weinen zu sehen. Es ist schwer, die schlechte Laune von weniger Betroffenen aufzufangen oder aber die Freude von Menschen zu teilen, die gerade eine wunderschöne Urlaubszeit erleben. Ich stehe zwar mitten im Leben und doch vollkommen neben mir selbst.

Eine Versicherung ist wie eine Schachtel Pralinen – Man weiß nie was man kriegt

Während oft die Anordnung jeder Steckdose beim Hausbau oder -kauf heiß ausdiskutiert wird, ist das Thema Versicherung ein leidiges Thema – Undurchsichtig und mit viel Vertrauen in einen Makler geknüpft, der hoffentlich nicht nur sein Bestes will. Nach dem der erste Schock verdaut war, hat sich das Wühlen in den Versicherungsunterlagen fast wie Lotto spielen angefühlt. Während die ersten unter der Hand alle sechs richtige inklusive Superzahl angekreuzt haben, bangen andere um eine letzte Chance bei der Ziehung der Zusatzzahl.

Obwohl jeder dachte, dass er gut versichert sei, stellen doch immer mehr Menschen fest, dass Spiel, Spaß und Spannung eben doch nur hinter jedem siebten Ei stecken. Wo der Makler noch tönte „Ihr seid gegen ALLES versichert – selbst wenn ein Komet in euer Dach fliegt“, stellt man nun mit Bedauern fest, dass ein Komet in Wasserform scheinbar nicht dazu zählt. Vielen fehlt die Elementarversicherung oder wurde irgendwann im Laufe der Jahre im Rahmen einer Vertragsänderung, zu denen nie Unterlagen eingetroffen sind, einfach herausgenommen. Es ist die Zeit der Versicherungsfotos, der Anwälte und nervenaufreibenden Telefonate.

Während ich-warte-oben und ich direkt sieben verschiedene Schäden haben und somit sieben Versicherungsstapelberge verwalten, sind wir immer wieder erleichtert, wenn uns etwas von den kleinen Sorgen abgenommen wird. Sei es, durch eine helfende Hand beim Stemmen oder ein Angebot eines Zimmerers, da nicht nur die Mietshaus-Decke abrissreif ist, sondern auch das gesamte Treppenhaus erneuert werden muss.

Und was passiert sonst so in der Welt?

Ein Baggerboot liegt im Zulauf der Talsperre – meiner Talsperre. Meiner Laufstrecke, meiner Heimat. Es entfernt Treibgut, angeschwemmte Mülltonnen und entwurzelte Bäume. Und während mir zwischen Öl und Staub die Luft zum Atmen fehlt, entdecke ich in Ästen und Löchern Eistruhen oder Kinderspielzeug, Putzlappen und Gardinenstangen. Obwohl die Vögel zwitschern, die Sonne scheint und die Mücken nichts an ihrer Geschmacksqualität verloren haben, fühlt sich der Wald doch so fremd an.

Auch wenn ich manchmal das Gefühl habe, eine Seiltänzerin zu sein, die auf losen Barken ohne Netz und doppelten Boden balanciert, weiß ich doch, dass man manchmal einfach weiterlaufen muss, um die nächste Plattform zu erreichen.

Wie hilfreich war dieser Beitrag?

Klicke auf die Sterne um zu bewerten!

Durchschnittliche Bewertung 5 / 5. Anzahl Bewertungen: 14

Bisher keine Bewertungen! Sei der Erste, der diesen Beitrag bewertet.

Flutkatastrophe in meiner Heimat (Teil 3) – Über die Ruhe nach dem Sturm

Beitragsnavigation


5 Gedanken zu „Flutkatastrophe in meiner Heimat (Teil 3) – Über die Ruhe nach dem Sturm

  1. Da fehlen einem irgendwie die Worte angesichts dieser Katastrophe. „Elementarschäden“ sind vermutlich- im engsten Wortsinne Schäden, die einen ganz elementar erschüttern und quasi nichts so zurücklassen, wie es war.
    Ich glaube, nachdem ich hier viele schwer betroffene Menschen getroffen habe, dass das Gefühl der Hilflosigkeit, der Ohnmacht, des ausgeliefert sehr schlimm ist. Es gibt da einige (und bei Euch ganz sicher sehr, sehr viele) Menschen, die tatsächlich hochgradig traumatisiert sind und dringend psychologische und auch psychiatrische Hilfe brauchen.
    Etwas, was mich überhaupt nicht loslässt, sind zwei Kinder, die in Eurer Gegend ihre Eltern verloren haben und jetzt hier untergebracht sind. Das Mädchen wird ab nächster Woche bei meiner Frau in die Schule gehen und wir haben uns darum gekümmert, das Notwendige zu besorgen. Das bricht einem das Herz.
    Ich glaube, dass Ihr die wirtschaftlichen Schäden überwinden werdet. Viel, viel schwerer wird es werden, den Einschlag, der Euch getroffen hat, psychisch zu verarbeiten. Dafür wünsche ich Euch alles Gute und einen wachen Blick auf die, die im emotionalen Chaos unterzugehen drohen.

    1. Danke lieber Michael für deine bewegenden Worte. Obwohl man sich tagtäglich in dieser Welt bewegt, mit Menschen spricht und Schicksale teilt, erschüttert einen so ein schrecklicher Verlust noch um ein Vielfaches mehr. Ganz, ganz schlimm 😔. Wenn ich etwas für die beiden tun kann, melde dich bitte. Man würde vielen gerne einfach ein Stück ihres Leides abnehmen und muss doch hilflos mit ansehen, wie sie ihren eigenen Weg ins Leben zurück finden müssen ❤️

      1. Vielen Dank für das Angebot. Wir haben heute alles gekauft, was für den Schulstart nötig ist. Und es gibt ein ganz gutes Netzwerk von Leuten, die gemeinsam versuchen, die Situation aufzufangen. Ich glaube, wir werden das mit vereinten Kräften auch bewältigen. Wie die Kinder das langfristig verkraften, wird sich zeigen. Aber die Resilienz von Kindern sollte man nicht unterschätzen.
        Wir machen einfach das beste draus.

  2. Immer noch sprachlos. Egal was man jetzt schreibt, man findet nie die richtigen Buchstaben oder Wörter. Aber riesen Respekt das du neben dem Aufräumen und Aufbauen und daran teilnehmen und wissen lässt.

    Ihr schafft das. – Klingt auch nach einer Floskel….

    LG Marco

    1. Danke für die lieben Worte, Marco. Ich glaube ich muss manches für mich in Worte fassen, um es zu begreifen. Ob ich dabei die richtigen Worte finde, sei dahingestellt.

      Danke für deine Anteilnahme und deinen Zuspruch. Das hilft schon ganz viel ❤️

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.