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8.00 Uhr – Bereitmachen zum Gepökelt werden

16. Februar 2020. Bergwerk Merkers. – Vollgepackt mit tollen Sachen, die das Leben schöner machen, stehe ich eingepfercht zwischen hunderten anderen Läufern in der Warteschlange, um mir meine Nummer zum Glück abzuholen. Denn heute ist es soweit – Heute erwartet mich ein ganz besonderes Erlebnis.

Der Kristallmarathon

Auch wenn ich es mir vielleicht heimlich gewünscht hätte, rührt der Name „Kristallmarathon“ nicht etwa daher, weil man beim Zieleinlauf einen Kristall umgehangen bekäme. Stattdessen ist der Name auf den außergewöhnlichen Veranstaltungsort eines ehemaligen Salzbergwerkes zurückzuführen. Als die Grube nach Jahren und Jahrzehnten ausgedient hatte und stillgelegt wurde, nutze man die entstandenen Räumlichkeiten, um besondere Events zu veranstalten. So ist unter anderem auch der Kristallmarathon entstanden, der heute zum 14. Mal unter Tage stattfindet:

Bei kuscheligen 21 – 28°Celsius werden knapp 200 Läuferinnen und Läufer auf die 3,25 km lange Runde geschickt, um insgesamt 42,2 km mit 750 Höhenmetern zu bewältigen. Was verrückt klingt, wird noch viel verrückter, wenn man sich vorstellt, dass man sich dabei 500 m unter der Erde befindet und über die komplette Distanz einen Fahrradhelm tragen muss, falls sich Steine aus der Decke lösen. Doch fangen wir von vorne an…

Ich bin aufgeregt – nervös. Lasse meinen Blick über die bunt gekleideten Rücken und Taschen der anderen Wartenden wandern. Ich sehe in müde Gesichter und jovial dreinblickende Münder. Spüre die Anspannung der vielen hektisch tippelnden Füße um mich herum. Und weiß, dass es uns doch irgendwie allen gleich geht.

Nach einer rasanten Abfahrt mit der Seilbahn, stehe ich mit einem Mal „in der Welt des weißen Goldes“. Mir schlägt warme Luft entgehen und ich betrete den dunklen Boden, der vor mir liegt. Die Wände sind grob in den Stein geschlagen und von der Decke erleuchten Baustoffröhren die schwarze Finsternis. Es ist ein komisches Gefühl zu wissen, dass sich über mir 500 m dicke Erde befindet. Hier werde ich also nun in den nächsten Stunden einen Marathon laufen… Welch eine Wahnsinnskulisse.

In gelben Baustellen-LKW’s sausen wir mit bis zu 30 km/h lachend und jauchzend durch scharfe Kurven und über kleine Kuppen. Wir steigen an einer kleiner Kreuzung aus, noch nicht ahnend, dass hier ein Verpflegungspunkt sein wird, nach dem ich Runde für Runde nur so lechzen werde. Vor mir öffnet sich eine riesige Halle, die mich erstmal verstummen lässt – Ich befinde mich im Herzen des Bergwerkes und somit natürlich auch direkt an der Start- und Zielgeraden des Laufes.

Gemeinsam werden wir mit dem Bergarbeiterlied und einer Lasershow begrüßt. Ich habe Gänsehaut und weiß nicht, wohin ich zuerst sehen soll. Die Nervosität steigt. Nur noch eine Stunde…

Meine Beine fühlen sich müde an. Mit Fahrradhelm und Lampe stehe ich dicht gedrängt zwischen unzähligen Halbmarathon und Marathonläufern im Startblock. Die Sekunden verrinnen. Mein Herz schlägt im dröhnenden Rhythmus des Countdowns mit und ich habe das Gefühl nicht mehr zu wissen, wie das Laufen funktioniert. Noch 3, 2, 1 Startschuss.

Man nehme eine Prise Salz, zwei käsige Laufschuhe, eine noch frische Startnummer und etwas Licht. Nun das ganze 13 Mal umrühren und fertig ist der Marathon.

Hunderte Taschenlampen und wilde Kopfbedeckungen setzen sich in Bewegung. Wir durchqueren die große Halle an deren Ende uns direkt eine Steigung erwartet. Die erste Hälfte der Runde scheint stetig und gnadenlos bergauf zu gehen, nur um uns danach die zweite Hälfte der Runde umso rasanter bergab zu führen. Der Weg schlängelt sich in scharfen Kurven durch das Höhlenlabyrinth (oder sollte ich besser Höllenlabyrinth sagen?) und überall stehen freundliche Streckenposten, die darauf achten, dass niemand verloren geht.

Bei meinem Orientierungsmonstersinn ist das vermutlich auch dringend notwendig!

Ich spüre den harten Boden unter meinen Füßen. Obwohl es manchmal verdächtig nass glitzert und manch‘ einer aus dem Nichts heraus eine Vollbremsung macht und „Achtung, Achtung!“ schreit, merke ich schnell, dass es sich dabei nur um die wunderschönen Kristalle handelt, die meiner Suppe die Würze verleihen. Und bis auf einige Schlaglöcher und Steinchen lässt es sich im Übrigen überraschend gut laufen.

Ich versuche langsam in mich hineinzufühlen und meinen Rhythmus zu finden. Abzuschalten und zu genießen. Da hier unten kein GPS funktioniert, piepst meine Uhr gefühlt ununterbrochen und lässt die Kilometer nur so daherpurzeln. Ich lasse mich nicht verunsichern und versuche locker zu laufen. Nur nicht überpacen – Schließlich warten noch einige Runden auf mich. Ich lausche den Gesprächen der anderen Läufer und versuche mir alles genau einzuprägen: Wie die markanten Steinwände im dunklen Schummerlicht glitzern. Oder etwa den kalten Luftzug, den ich an jeder Kreuzung auf meiner Haut spüre. Ich atme tief durch und beginne zu lächeln.

Es ist ein tolles Gefühl hier zu laufen.

Obwohl ich mich eigentlich zusammenreißen und nicht ständig durch Trinkpausen ausgebremst werden möchte, merke ich schnell, wie die salzige Umgebung jegliche Flüssigkeit aus mir herauszieht. Ich fühle mich wie ein verdurstendes Kamel in der Wüste und trinke immer wieder mit gierigen Schlücken, sobald sich die Gelegenheit an einem der beiden Verpflegungspunkte bietet. Meine Haut wird von einer feinen Salzkruste überzogen …

Aber heißt es nicht: Wer gut gesalzen ist, bleibt lange frisch?

So laufe ich weiter meine Runden: Immer wieder bergauf, an dem Mann mit der Kuhglocke vorbei und wieder hinab. Um mich herum beginnen die Halbmarathonläufer zu erzählen, dass sie ihre vorletzte Runde laufen. Das ist ja schön für euch – für mich sind es auch nur noch sieben …

Die Runden ziehen sich daher. Die Strecke wird stetig leerer und die Beine schwerer. Jedes Mal laufe ich in der großen Halle auf das Ziel zu, nur um haarscharf daran vorbeizulaufen und mich auf den Weg in die nächste Runde zu machen – ganz schön zermürbend das Ganze.

Die Tunnel wirken immer dunkler, eintöniger und ich spüre, wie sich gemeines Seitenstechen anbahnt. Das auch noch! Ich atme tief aus und konzentriere mich darauf, saubere Tritte zu setzen. Schritt für Schritt kämpfe ich mich über den harten Glitzerboden voran. Um mich herum ist es ruhig geworden. Ab und zu kommen mir Gruppen von Halbmarathonläufern entgegen, die sich schon auf dem Heimweg befinden. Unter deren lauten Anfeuerungsrufen zeichnet sich wieder ein Lächeln auf meinem Gesicht aus – na also, geht doch.

Die Luft schmeckt trocken und warm. Quälend langsam kämpfe ich mich weiter voran. Gleich sind es nur noch zwei Runden. Meine Beine sind leer, mein Kopf müde. Gefühlt bin ich schon lange am Ende.

Ich höre wie mich jemand mit meinem Namen anspricht und sagt: „Sara, du läufst aber noch schnell. Bist du am gewinnen?“ Ähm nein, eigentlich sterbe ich gerade.

Da sich die beiden Herren nur noch auslaufen möchten, leisten sie mir eine halbe Runde Gesellschaft. Wie glitzernde Salzkörner laufen wir gemeinsam als kleiner Salzkristall durch die Tristesse der Dunkelheit. Am oberen Verpflegungspunkt flehe ich kurz darauf ein Helferlein an, mir ein Gel aufzumachen, weil meine Hände mittlerweile einer klebrigen Fliegenfalle ähneln. Ich bin jedes Mal von dieser Hilfsbereitschaft und Kameradschaft tief berührt und schaffe es kaum „Danke“ zu hauchen.

Ding Ding – letzte Runde.

Innerlich schrillt eine Glocke auf, die mich aufhorchen lässt. Ich laufe jetzt ein letztes Mal am Ziel vorbei. Schlussrunde.

Mit heiß gelaufenen Fußsohlen schleppe ich mich ein letztes Mal die kleinen und großen Anstiege hoch. Nur noch 3 Kilometer. Ich hefte mich an der Vorstellung fest, gleich im Ziel zu sein – bald oben anzukommen. Jede Kurve bringt mich ein Stück weiter in die richtige Richtung. Ob ich das Ziel unter 4 Stunden erreichen werde? Ich weiß es nicht. Ich versuche entspannt zu laufen und die Wege herunterzufliegen. Eins zu sein mit meinen Schritten. Ich atme tief durch.

Gleich ist es geschafft. Ich höre die Musik und die Stimmen der großen Halle näherkommen. Der Weg ist mittlerweile in meinem Kopf fest eingebrannt. Ich kenne jede Biegung, jeden Anstieg. Nur noch den Berg hinab …und dann darf ich endlich durch die schmale Zielgasse laufen.

Ich hebe den Blick und schaue zum ersten Mal auf die große Leinwand vor mir. Ich weiß nicht, ob ich lachen oder weinen soll. Bin überwältigt von Emotionen und gleichzeitig leer und ausgelaugt. Nicht im Stande zu lachen oder zu weinen. 3.57 h – meine neue Bestzeit. Ich kämpfe mit meinen Gefühlen, Eindrücken und meinen krampfenden Waden. …Und weiß in dem Moment, dass ich dieses Erlebnis niemals vergessen werde.

Weitere Infos: Infos: www.triathlonverein-barchfeld.de und unter www.erlebnisbergwerk.de

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Durch die Welt des weißen Goldes – der Kristallmarathon

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Ein Gedanke zu „Durch die Welt des weißen Goldes – der Kristallmarathon

  1. Ich bin als Kind immer gerne mit meinen Großeltern in ein Salzbergwerk nahe meines Heimatortes Bad Wimpfen eingefahren. Der Boden ist übrigens so eben, weil vor dem Sprengen mit einer Art „Boden-Kettensäge“ bzw. Fräse ein glatter Boden geschaffen wird, zumindest war das in Bad Friedrichshall so.

    Hat Deine Uhr einen Laufbandmodus? Meine antizipiert dabei aus der Schrittlänge und der Schrittfrequenz das Tempo und hält sich nicht mit GPS-Suche auf. Vermutlich wäre das für diesen Lauf eine geeignete Variante – genau wie für den Elbtunnelmarathon, über den ich mal bei einer anderen Laufbloggerin gelesen habe 🙂

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