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Kölntrail 2020

Gehe nicht, wohin der Weg führen mag, sondern dorthin, wo kein Weg ist und hinterlasse einen. (Jean Paul)

Wuppertal – 7.30 Uhr. Meine Schritte hallen hohl im großen Eingangsbereichs des Bahnhofs wieder. Ich sehe mich um – aufgeregt und unsicher. Hier sollte doch irgendwo der Treffpunkt sein…

Als das Jahr noch jung und ich etwas grüner hinter den Ohren war, habe ich mir als Jahresziel gesetzt, einen richtigen Ultramarathon zu laufen. So ein Ding über 50 Kilometer. Aber da „et kütt wie kütt“ und das Jahr dann doch etwas anders lief als ursprünglich geplant, rückte mein Vorhaben in schier unerreichbare Ferne.

Doch wer suchet, der findet und das manchmal schneller als gedacht. So fand ich mich nun am Treffpunkt des Kölntrails wieder. Von Oliver Witzke organisiert, wollen wir von Wuppertal über Solingen bis nach Köln laufen. Auf 80 km und mit 1800 Höhenmetern. Na dann, Prost – Mahlzeit.

Ich muss zum Glück nicht lange suchen: In schillernden Farben, mit Kompressionssocken, Trailwesten und lustigen Käppis bewaffnet, sind die Ultraläufer ein nicht ganz unauffälliges Völkchen. Ich stelle mich zu den anderen 15 maskierten Läufern, die mich mit freundlichen Augen ansehen.

Es kann los gehen

Die Luft ist noch angenehm kühl, der Himmel wolkenlos und wir sind voll freudiger Erwartung. Die ersten Kilometer führen uns über Asphalt bergauf aus der Stadt heraus – Genau das richtige für müde Läuferwaden.

Nach wenigen Metern und einer schnellen Runde über ein Baustellengelände, erreichen wir den Wald: Ich spüre den weichen Boden unter meinen Füßen und fühle mich zu Hause. Von einem Blättermeer umgeben, bahne ich mir meinen Weg zwischen den Bäumen hindurch. Die anfängliche Nervosität verfliegt und ich bin innerlich angekommen. Ich atme die klare Luft ein, mache einen Schritt vor den nächsten. An den Kreuzungen verlangsamen wir immer wieder das Tempo, schauen uns die verschlungenen Wegelchen an, nur um wieder umzukehren. Wenden in drei Zügen, oder so ähnlich.

Während ich mich auf meine Schritte konzentriere und versuche, möglichst wenig Kraft zu verschwenden, horche ich den Laufabenteuern der anderen. Zusammen mit meinen Blumenkohlöhrchen werde ich mit jedem Wort ein bisschen kleiner – Ich bin hier scheinbar die einzige, die diese Distanz noch nicht bewältigt hat. …Jetzt bloß nicht auffallen.

Der erste kleine Singletrail erwartet uns. Mein Herz schlägt eine Spur schneller, als es über wurzeldurchzogene Trampelpfade den Berg hinauf geht. Kurve hier, Anstieg da. Der Schweiß läuft mir über das Gesicht und ich beginne innerlich zu grinsen.

Wie im Gänsemarsch kämpfen wir uns durch die friedliche Ruhe des Waldes, die heute durch ein paar bunte Vögel gestört wird.

Ich springe über Wurzeln und Baumstämme, tanze über Äste und Steine oder durchwühle bunte Blätter mit meinen Füßen. Ich bin ganz bei mir und könnte mir für den Moment nichts schöneres vorstellen, als im hier und jetzt zu sein – Außer vielleicht den Rest des Tages an den mit Leckereien gefüllten Verpflegungspunkten zu verbringen, die uns alle 11 Kilometer erwarten.

Expedition in den Urwald

Den eigenen Weg zu finden, ist eine besondere Kunst. Einen zugewachsenen Weg zu finden, fast ein Ding der Unmöglichkeit.

Nachdem wir etwas planlos durch den Wald geirrt sind, stehen wir mit einem Mal vor einer riesigen grünen Wand. „Dschungelexpedition“ lautet das Stichwort. Ohne Schwert und Machete kämpfen wir uns durch Farnblätter, die uns die Sicht versperren. Heimtückische Brennnesseln nutzen die Gelegenheit, sich auf unserer Haut zu verewigen – ein prickelndes Erlebnis.

Ich schiebe die Pflanzen zur Seite und komme auf dem unebenen Boden nur mühsam voran. Spüre wie Äste meine Beine zerkratzen oder sich Dornen in meine Haut bohren. So geht es Meter für Meter vorwärts, bis sich kurz darauf der Wald lichtet. Nach einer schnellen Überprüfung auf blinde Passagiere, führt der Weg weiter in Richtung Stadt.

Als wir nach 35 Kilometern in Solingen bei Olli zu Hause ankommen, werden wir unter großem Jubel und „Hallo!“ von 20 anderen Läufern empfangen, die uns auf den letzten 45 km begleiten werden. Gänsehautmoment on point. Lachend und erzählend fliegen die Meter unter den Füßen daher.

Als wir uns zu unserem letzten steilen Anstieg zu „Schloss Burg“ aufmachen, merke ich, dass ich vor lauter Erzählen vergessen habe, meine Trinkblase aufzufüllen. Die Zunge klebt mir am Gaumen und ein pelziges Gefühl breitet sich in meinem Mund aus. Was würde ich jetzt für etwas Wasser geben.

Ich kämpfe mich über das harte, warme Kopfsteinpflaster, dass sich wie ein Wärmekissen unter meine Schuhsohlen legt.

Wie ein Kind, dem man verboten hat an den Süßigkeitenschrank zu gehen, linse ich neidisch auf die prallgefüllten Trinkflaschen der anderen Läufer. Die haben ein Leben! Vollkommen ausgetrocknet laufe ich über den staubigen Waldboden. „Wenigstens einer hier der mich versteht“.

Die Kilometer schleppen sich daher und jeder kurze Stopp lässt mich ungeduldiger werden. Bei Kilometer 48 bin ich endlich erlöst und schütte gierig Wasser, Apfelschorle und Cola in mich hinein. Welch‘ eine Wohltat!

Ist der Weg zu stark, bist du zu schwach!

Schnell oder langsam – langsam oder schnell. Das ist hier die Frage.

Gruppenaufteilung. Nach längerer Diskussion zwischen meinem Schweinehund und meinem extrem größenwahnsinnigen Ehrgeiz, klinke ich mich in die schnelle Gruppe ein …Und bereue es sofort.

Ich versuche auf den verschlungenen Pfaden das Tempo der anderen beizubehalten, falle aber Meter für Meter zurück. Mein linkes Knie weint, zickt und zwickt und auch mir ist mehr nach weinen, als nach laufen zumute. Ich nehme mein erstes Gel und versuche den Gedanken bei Kilometer 60 auszusteigen von mir zu schieben.

Jeder Schritt fällt mir schwer und meine Beine schwabbeln wie Erdbeergelee in meiner Shorts umher.

Die Gruppe scheint sich immer weiter von mir zu entfernen. Ich bin enttäuscht und ärgere mich darüber, so wenig getrunken zu haben. Muss mir eingestehen, dass ich mich vielleicht übernommen habe und die Welt doch nicht so eitel Sonnenschein ist, wie sie gerade vielleicht aussieht. Zum Glück bleiben Markus und Yvonne bei mir, reden mir gut zu und bilden mit mir eine eigene kleine „mittlere Gruppe“, die ein etwas langsameres Tempo angeht.

Zu dritt laufen wir durch einen wunderschönen Märchenwald. Das undurchdringliche grau in meinem Kopf beginnt sich zu lichten und ich lasse die farbenfrohe Zauberwelt des Waldes wieder näher an mich heran. Wir laufen über Schieferplatten und Wurzeln, stacksen über Flüsse und Brücken und treffen immer wieder freundliche Wanderer, die uns versichern, dass wir auf dem richtigen Weg sind.

Die Strecke wird urbaner und es geht stetig leicht bergab. Trotzdem schreien meine Beine bei jedem wieder-anlaufen laut auf. Als wir endlich das Wasser, dass heute die Welt bedeutet, erreichen, habe ich einen Kloß im Hals.

Immer mit dem Blick auf den Dom schleppen wir uns durch Menschenmassen am Rhein entlang. Ich bin stolz und fassungslos, eine solche Strecke bewältigt zu haben. 80 Kilometer. Eine für mich unvorstellbare Distanz. Der Dom wird größer, das Ziel rückt näher. Noch ein paar schnelle Schritte und – Wir sind da.

In Gedanken versunken, sitze ich mit einer Cola in der Hand auf einem Stein. Schaue auf den Kölner Dom, der von den Tränen in meinen Augen ganz verschwommen wirkt. Ich habe mein Ziel erreicht: Das Ziel liegt vor Ihnen.

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Lang – länger – ultralang – Mein erster Ultramarathon

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6 Gedanken zu „Lang – länger – ultralang – Mein erster Ultramarathon

  1. Hallo Sara,

    ein toller Bericht; der erste Ultra bleibt unvergessen. Da hattest Du Dir ja direkt einen Kracher als Premiere ausgesucht. Ich hatte auch im Vorfeld daran gedacht, aber aufgrund der möglichen Hitze mich nicht angemeldet. Ich kann nämlich in der Hitze nicht so gut laufen, Herbst, Winter und Frühling, da fühle ich mich wohl. Es gibt soviel tolle Ultraläufe und die Ultraläufer sind wie eine Familie, der Zusammenhalt ist einfach toll. Immer trifft man jemanden, den man kennt. Ich hoffe, wir sehen uns auch mal auf einem Lauf. Bis dahin gute Beine und bleib gesund !

    Sportliche Grüße

    Frank

    1. Hallo lieber Frank,
      danke für deinen lieben Kommentar. Ultraläufer sind ganz besondere Menschen. Es ist toll, sich gegenseitig so aufzufangen und zu unterstützen. Für mich war es wirklich ein ganz tolles Erlebnis :-).

  2. Eine absolut bewundernswerte sportliche und mentale Leistung, Wahnsinn, wow!
    Deine Beschreibung sind wie immer traumhaft, ich wünschte dann jedes Mal ich wäre live dabei, auch wenn ich das nicht ansatzweise schaffen würde!
    Mach weiter so 👍🏻!

    1. Danke für deine lieben Worte. Ich freue mich wahnsinnig darüber. Dafür schaffst du ganz andere tolle Sachen, bei denen ich dumm aus der Wäsche gucke 😀. Ich freue mich, dass du dich so gut da hineinversetzen kannst

  3. Hallo Sara,

    eine unglaubliche Leistung, Wahnsinn! Und mal wieder, wie auch bei Instagram, sehr gut geschrieben. Man kann sich gut in die Situationen einfühlen.
    Und mal ehrlich, dass du eine Strecke lang ohne Wasser ausgekommen bist, hat die Spannung noch etwas erhöht – wird sie es schaffen oder aufgeben?
    Du hast es natürlich durchgezogen und dafür meinen größten Respekt!

    Alles Gute und ich bin gespannt auf neue Abenteuer!

    1. Hallo Tim,
      Danke für deinen tollen Kommentar. Ich freue mich sehr darüber. Na klar, ohne ein bisschen Action wäre es ja auch langweilig gewesen. Und von einem kleinen Tollpatsch wie ich es bin, erwartet man auch kaum was anderes.
      Liebe Grüße,
      Sara

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