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Oder auch: Der Tag, an dem ich zum Autoknacker wurde und der Osterhase Nägel in den Reifen versteckte.

Von Standheizungen und Motorenbrummen geweckt, wache ich etwas desorientiert auf. Es ist Ostern – Der Tag im Jahr, an dem man genau das mit Freude tut, was man sonst das ganze Jahr über verflucht: Bei eisigen Temperaturen Gegenstände in ominösen Verstecken suchen, die dort sicher nichts verloren haben…

Nach einer tiefen Nacht herrscht um mich herum bereits reges Treiben. Auf dem Wanderparkplatz ist von Ausgangssperre und Reiseverbot nichts zu spüren: Ich bin umgeben von weißen Wohnmobilschiffen – Tische, Stühle und Grillmöglichkeiten sind aufgebaut und die ersten Camper suchen sich bereits eine geeignete Boule-Spiel-Fläche, um es sich über Ostern auch richtig gut gehen zu lassen. Grauzone hin oder her – was hier abgeht, ist dann aber doch eher tiefschwarz.

Während ich-warte-oben-auf-dich und ich bei unserem kleinen Camper-Osterfrühstück darauf warten, dass die Sonne vielleicht doch noch herauskommt, beobachten wir zig Leute, die ihren Hausmüll in herkömmliche Metallmülltonnen stopfen (oder ihn gleich daneben legen), Zahnpasta durch die Gegend rotzen und Markisen herunterdrehen. Das Ordnungsamt und die Polizei fahren zwar in regelmäßigen Abständen Patrouille und sprechen stichprobenartig Camper an, fahren aber unverrichteter Dinge wieder fort, was das Wildcampen nur noch stärker zu legitimieren scheint. Und während wir unsere sieben Sache packen und Auto 2 satteln, um zum Startpunkt der nächsten Etappe zu fahren, schämen wir uns schon fast fremd für ein Verhalten, von dem ich dachte, dass es dieses eigentlich nur in vorurteilsbehafteten Zeitschriften gibt.

Eifelsteig Etappe 10 – Von Gerolstein nach Daun

26,1 km mit 920 Höhenmetern Aufstieg und 850 Höhenmetern Abstieg

Ostereier waren gestern

Noch bevor wir die ersten Eifelsteigschritte machen können, stellen wir mit Freude fest, dass uns der Osterhase nicht vergessen hat: Wir entdecken einen wunderschönen riesigen Nagel im Hinterreifen von Auto 2. Der Tag könnte kaum besser starten. Mit dem Gedanken beseelt, heute Abend erst einmal einen Reifen wechseln zu dürfen, erklimmen wir mit gemischten Gefühlen die steilen Stufen zur Burg hinauf und freuen uns auf einen abwechslungsreichen Tag.

Der Weg führt kurzerhand in ein kleines verschlafenes Waldstück. Der Nebel hängt tief und ich folge den steilen Serpentinen den Berg hinauf, während mir der Schweiß bereits auf den ersten Metern in die Augen rinnt. Nach einigen schönen Tippel-Hüpf-Passagen, auf denen ich mit meinen müden Beinen mehr herum-eier als tippel, lande ich kurzerhand auf einer breiten Fahrspur, die mich kilometerlang den Berg hinaufführt.

Mein Kopf ist unmotiviert und ich schleppe meine Beine nur mit schweren Schritten voran. Hinter jeder Kurve denke ich, dass ich bestimmt bald oben sein müsste, nur um erneut festzustellen, dass oben noch ein bisschen auf sich warten lässt. An einem Aussichtsturm, an dem wir uns eben jene heute denken müssen, machen wir kurz Pause. Pulli an – Pulli aus.

Über breite Wirtschaftswege folgen wir den schönen grünen Symbolen durch den Wald.

Langsam finde ich in meinen Rhythmus hinein und träume mich weit weg. Meine Beine fliegen wie von alleine über den weichen Boden. Das dumpfe Pochen unserer Schritte mischt sich mit sanftem Vogelgezwitscher und ich atme die klare Luft ein. Mein Blick schweift über lichte Laubwälder, gefolgt von Kuhweiden und Feldern. Über die breiten Straßen komme ich zügig voran und finde mich bald am tiefsten Punkt der Etappe wieder.

Wenn man ganz unten ist, kann es nur nach oben gehen.

Der Weg führt uns auf einen kleinen Trampelpfad und es geht steil den Berg hinauf. Manchmal habe ich das Gefühl, dass ich mehr zurück strauchel, als dass ich voran komme, aber heißt es nicht:

1 Schritt vor, 1 Schritt zurück – fertig ist das Wandersglück

Die Sonne zeigt sich mittlerweile von ihrer Schokoladen(schmelzenden) Seite und ich schmelze mit. Meter für Meter erklimme ich den kleinen Berg, bis ich endlich vor kleinen Ruinen und verborgenen Höhlen stehe. Durchatmen – Pause machen.

Das schwerste Stück ist geschafft und ich fliege den Berg hinunter.

An einem gekonnt ignorierten „Eifelsteig gesperrt- Umleitungsschild“ vorbei, klettern wir bald über gefällte Bäume und sehen kurz darauf schon Daun vor uns liegen. Durch ein kleines Waldstück gelangen wir in einen wunderschön gepflegten Kurpark, an dem die Etappe eigentlich vorbei wäre. Müde und geschafft schleppen wir uns weiter und noch ein letztes Mal eine Fahrstraße hinauf – bis wir erleichtert das erste Maar und Mister Camper erreichen. Geschafft!

Mit einem riesigen Loch im Bauch inhaliere ich meinen Schokohasen, der es so frech grinsend vermutlich gar nicht anders erwarten konnte.

Autoknackerei

Mit dem Bewusstsein, jetzt mitten in Gerolstein unter viel Tamtam an Ostersonntag einen Reifen wechseln zu dürfen, fahren wir mit viel gute Laune Musik und noch mehr tollen Eindrücken der letzten Tage im Bauch zurück zum Startpunkt – denn: viel hilft bekanntlich viel. Doch dort angekommen, stellen wir schnell fest, dass der Reifen unser geringstes Problem sein wird…

Nachdem ich eine Weile beobachte, wie ich-warte-oben mit dem Schlüssel vor Auto 2 steht und es scheinbar versucht mit Blicken zu hypnotisieren, steige ich aus und geselle mich dazu. Lustigerweise haben wir zwar den Schlüssel für Auto 2 (einem kleinen Lieferbus) dabei, allerdings hat dessen Zentralverriegelung an Ostern scheinbar frei. So öffnet und schließt sich zwar hinten die Tür zur Ladefläche, doch die Fahrerkabine bleibt fest verschlossen.

Auf – zu, auf – zu

Immer wieder drücken wir auf den verfluchten Knopf, springen gegen die Tür und ziehen mit beiden Händen am Türgriff, um vielleicht doch etwas zum Einrasten zu bewegen. Doch vergeblich. Die Passanten nicken uns freundlich zu und wir überlegen, ob wir es nicht einfach mal bei einem anderen Auto probieren sollten. Pustekuchen. Nach einer halben Stunde Knöpfchen-Drückerei beschließen wir Auto 2 einen Moment Pause zu geben und überlegen bei einem Eis, welche Möglichkeiten wir haben.

Neben ADAC rufen, Scheibe einschlagen, es einfach morgen nochmal zu probieren und dem Auto gut zuzureden, kommt ich-warte-oben irgendwann auf die Idee, mit dem Akkuschrauber die Trennwand zwischen Ladekabine und Fahrerraum herauszulösen. Doch wie das Leben so spielt, ist das einzige sinnvolle Werkzeug, das wir finden können, eine Flex, mit der man zwar auch die Trennwand herauslösen könnte, aber mitten in der Stadt an Ostern vermutlich dann doch mehr Aufsehen erheben würde, als eigentlich geplant gewesen war (– nicht, dass wir überhaupt derartiges geplant hätten).

Die Entchen-Angler Karriere

Während ich mich mittlerweile damit abfinde, dass wir fortan eben ein Zweitauto in Gerolstein stehen haben werden, fädelt ich-warte-oben ausgefuchst wie er ist, ein Kabel durch die Trennwand nach vorne. Unter meinen wilden Anfeuerungsrufen versucht er aus dem Laderaum heraus mit einer Schlaufe den Türgriff zu erwischen. Greifautomat mal anders.

Nach unzähligen Fehlgriffen macht es mit einem Mal „Klick“ und die Tür steht offen. Mit wildem Gejubel hüpfen wir um das offene Auto herum und vermutlich hört nun selbst der letzte Anwohner die Steine von unseren Herzen fallen.

Fahrerkabine leerräumen, benagelten Reifen auswechseln.

Und während wir beide vermutlich ausgesehen haben, als hätte uns gerade der Osterhase höchstpersönlich die Hand gereicht, beenden wir den Tag mit dem guten Gefühl, dass selbst das toteste Auto an Ostern Wiederauferstehen kann.

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Eifelsteig Etappe 10

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4 Gedanken zu „Eifelsteig Etappe 10

  1. Na Du.

    Der Osterhase wollte wohl die Osterzeit um eine Weile verlängern. So langsam bekomme ich echt Lust zum Campen. Deine Blogbeiträge motivieren mich. Danke dafür.

    Liebe Grüße, Jens

    1. Hallo Jens,
      vielen Dank für deinen Kommentar und die lieben Worte 😀. Dann nichts wie los, die schönen Wochenenden warten noch auf uns. Es tut wirklich gut, mal was anderes von der Welt zu entdecken.

      Viele Grüße, Sara

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