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Ich lasse mich in die warmen Kissen des Dachbettes sinken und horche in die Nacht hinein. Der Wind streift wie sanftes Meeresrauschen die zarten Stoffwände, die mich von der undurchdringlichen Finsternis des Waldes trennen. In weiter Ferne höre ich Gänse schnattern; das Rollen von Autoreifen auf Asphalt, der von den ungewöhnlich starken Sonnenstrahlen eines späten Februartages aufgewärmt wurde. Stille. Eine tiefe Ruhe legt sich über mich und wiegt mich sanft in den Schlaf. Doch da! – Da war es wieder! Kerzengerade sitze ich im Bett.

Wochenendtrip. Mikroabenteuer. Pause vom Alltag.

Nach Wochen des Frierens und Bibberns, Zähnefletschens und Zuhausetigerns, zeigt das Thermometer endlich wieder Temperaturen im grünen Bereich. Oder eher gesagt im blauen Bereich – denn das würde zumindest dem strahlend blauen Himmel gerecht werden, der selbst der kahlen Winterlandschaft sowas wie Frühlingsflair verleiht. Der Camper fährt nordwärts – immer dem gelben Pfeil hinterher, den das Navi ziellos nach rechts und links zeigen lässt. Mit viel aufgestautem Entdeckerdrang und Laufkleidung für jede Gelegenheit im Gepäck.

Stadtwirrwarr – Platzhirschgetümmel

Nach kurzem Boxenstopp in der historischen Altstadt, Pommeskurve und viel Tamtam, geht es auf dem direktem Weg in die Schweiz. Nicht in die mit den hohen Bergen, sondern mehr in Richtung vieler winzig kleiner Hügel, Wanderwegen und der untergehenden Sonne im Nacken. Die Menschenmassen tummeln sich auf den schmalen Asphaltwegen, während ich mir zum ersten Mal in kurz-lang meinen Weg über die modrig-feuchte Wiese Richtung Wald bahne.

Ich fliege über den rutschigen Boden den ersten kleinen Hügel hinab, nur um kurz darauf wieder steil bergauf zu laufen. Meine Beine fühlen sich träge an, während ich meine Nase der Sonne entgegenstrecke, die zwischen den lichten Zweigen hervorlinst. Ich atme die kühle Luft ein. In meinem Kopf macht sich das Gefühl von Urlaub breit und ich biege um die nächste Kurve. Immer den kleinen Zahlen des Wanderweges folgend, laufe ich wellenförmig an Kuhweiden, Bauernhöfen und einer kleinen Weihnachtsbaumfarm vorbei, die mich so in ihren Bann zieht, dass ich prompt das nächste Schild verschlafe. Augen auf im Straßenverkehr.

Nach einer kurzen Querung einer Hühnerwiese, auf der ich Fersengeld gebe, damit ich meine Fersen behalten darf, kommt langsam im Abendrot Mister Camper näher. Und freut sich auf einen ruhigen Abend auf einem gemütlichen Wanderparkplatz.

Licht an, Buch auf. Die Nacht siegt über den Tag und taucht die zahme Waldlandschaft in die Eingangsmelodie einer jeden Horrorstory. Äste knarrzen, Schattenfiguren tanzen am Fenster vorbei und immer wieder mischt sich ein wehleidiges Weinen in das Windspiel der Dunkelheit.

Ich lasse mich in den Schlaf wiegen, bis… ein gewaltiges Rumsen, ähnlich wie das Geräusch eines wild gewordenen Bobbycars, dass das Auto attackiert, mich blitzschnell aufhorchen lässt. Was war das?

Ich klettere hinunter und leuchte mit der Taschenlampe die schwarzgetünchten Fenster entlang. Irgendwas ist da draußen. Der Lichtkegel bahnt sich seinen Weg durch die kahle Dunkelheit und streift mit einem Mal zwei hellgelbe Augen auf der Windschutzscheibe. Mit einem Satz kralle ich mich in die Polster des Sitzes und halte die Luft an.

Katzengejammer.

Ein kleines Katzengesicht schaut mich aufmerksam an. Die Aufregung fällt wie das Netz eines durchgekochten Kloßes ab und lässt mich durchschnaufen. Gefolgt von wildem Miauen steige ich zurück in mein Bett und lasse mich vom Schlaf übermannen. Doch das Böse schläft nie. Ungeduldig wälze ich mich hin und her. Immer wieder schrecke ich von wildem Miauen hoch, begleitet von Pfötchengeräuschen auf kaltem Metall. In meinem Kopf überschlagen sich die Gedanken: Vielleicht sollte ich das Bellen anfangen? Oder aber bei der Polizei anrufen:

“Kommen Sie sofort. Es geht um Leben und Tod.

An meinem Camper ist eine Katze!”

Der Beamte erkundigt sich: “Wer ist denn am Apparat?” – Ein Papagei.

So kommen wir nicht weiter. Innerlich verfluche ich das kleine Katzentier, dass vermutlich nur Hunger hat und ins Warme möchte. Und äußerlich warte ich einfach nur sehnsüchtig darauf, dass sie bald verschwinden wird..

Hahnengeschrei.

Wie Sie hören, hören Sie nichts. Im schönsten Sonnenschein trete ich verkatert mit viel Katzengejammer aus dem Camper und atme die frische Morgenluft ein. Keine Spur einer Katze, dafür viele kleine Katzenspuren auf der Windschutzscheibe. Egal. Gut gelaunt genieße ich den ersten Frühlingstag des Jahres, gefolgt vom ersten richtigen Arbeitstag im Monstergehege.

Abendstunden – Während ich die Fotos des letzten Wochenendes durchsehe, klingelt es an der Tür:

Nachbarskind: „Hallo, in eurem Bus miaut es“

Mutzelig und mit dem Gedanken, dass ich das Nachbarskind gleich mal ordentlich miauen werde, wenn kein Miauen zu hören ist, gehen wir die Einfahrt zum Camper hoch. Ein kleines Katzengesicht mit leuchtend gelben Augen schaut uns aus der Motorhaube entgegen – zahm, verkuschelt und vermutlich unendlich hungrig.

Nach 2 Tagen in der Motorhaube bei über 160 km Fahrt und mit Spitzengeschwindigkeiten von 160km/h auf der Autobahn, sitzt sie nun mit einem Schnurren auf meinem Arm, um das sie jeder Motor beneiden würde.

Epilog: Drei Wochen und einen Tierarztbesuch später wissen wir: Es ist ein Kater. Putzmunter, aufgeweckt und etwa 2 Jahre alt. Nicht gechipt, nicht tattoowiert. Dafür mit ganz viel Liebe im Bauch und dem herzzerreißensten, schlafraubenstem Miauen, das man sich vorstellen kann. Willkommen in der Familie – kleiner Pacy.

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Ein Camper kommt selten allein – eine Begegnung der etwas anderen Art

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