5
(5)

Federnd drücke ich mich vom Boden ab – fühle mich frei und leicht. Die Sonne scheint mir ins Gesicht und ein breites Lächeln umzäumt meine Nasenspitze. Freiheit. Der Boden schwebt unter meinen Sohlen daher, die wie Ballettfüßchen über das gefrorene Eis tanzen. Ich fühle in mich hinein: Die Lunge raspelt, die Atmung ist am Limit. Und die Oberschenkel brennen bei jedem Schritt wie ein Stockbrot, das zu dicht über das Feuer gehalten wurde. Das muss wahre Liebe sein.

Weiberdonnerstag – Der Tag im Jahr, auf den ich wochenlang hinfiebere. Dick und fett mit Pappnas‘ und Tamtam im Kalender eingetragen, scheint er mich jedoch in diesem Jahr in dem das C. Virus wütet, verhöhnen zu wollen.

Denn dieses Jahr habe ich leider keinen Karneval für dich.

Viele verstehen nicht, was es mit Karneval und dem ganzen Pipapo auf sich hat. Aber manche Dinge im Leben lassen sich nicht einfach erklären. Karneval ist ein Gefühl – Sowas wie Liebe eben. Etwas, das man erleben, fühlen muss. Und dabei fast an Wahnsinn grenzt, einem Außenstehenden erklären zu wollen, was Karneval ist.

Karneval ist ming Zohus, ming Hätz

Wie ein warmer Lichtschein breitet sich ein inneres Glück aus, wenn man die Musik hört oder die Menschen lachen sieht. Es fühlt sich an, wie ein Nachhausekommen in der dunklen kalten Jahreszeit. Es geht nicht um das Verkleiden, die Musik, die Kamelle oder den Alkohol. Sondern darum frei zu sein, sich ausleben zu können. Zeit, mit Menschen und Dingen zu verbringen, die man liebt. Und letztendlich einfach darum, glücklich zu sein.

Virtueller Karnevals-Spendenlauf

Und während die Tage wieder länger werden und die Kalenderblätter fallen, fällt mir auch eine Veranstaltung in die Hände, die sich ganz nach mir anfühlt. Ein virtueller Karnevals-Spendenlauf, für Vereine, Künstler, Techniker und Unterstützer des Karnevals, die durch das Ausfallen der Session 2020/21 in Not geraten sind. Ein Lauf zu Gunsten des Brauchtums – Mit Kostüm oder mit ohne Kostüm. Hauptsache dabei. Und ehe ich weiß, was ich da gerade tue, bin ich mit einem Klick für den Halbmarathon angemeldet – 21.1 km am 11.2.21. Was könnte es auch Schöneres geben?

Einmal geteert und gefedert, bitte

Röckchen an, Federn auf. Bei minus 5 Grad, mit Kostüm und Skiunterwäsche, stehe ich bibbern in der Kälte und warte darauf, dass die Anzeige auf 1.11.11 Uhr umspringt. Meep meep und Feuer frei.

Wie ein geölter Blitz flitze ich als Roadrunner verkleidet die Straße entlang. Meine Federn wehen im Wind und ich grinse wie ein wahnsinniger kleiner Vogel vor mich her. Ich biege um die erste Ecke und laufe die Straße herunter. Meine Schritte sind leicht und ich fühle mich fast, als wenn ich fliegen könnte. Ich berühre nur ganz kurz den weiß glitzernden Boden und sause Meter für Meter voran.

Immer in Richtung Innenstadt orientiert, kommen mir mehr und mehr Fußgänger entgegen. Doch statt höhnischen Bemerkungen bekomme ich das eine oder andere „Alaaf“ und freundliche Lachen zu hören. Die Sonne scheint mir ins Gesicht und ich bin glücklich, im hier und jetzt zu laufen.

Ich tippel weiter die Hauptstraße entlang. Der Wind zerzaust meine Federn und mit ihm weht mir die eisige Erkenntnis entgegen, dass ich heute einen Halbmarathon laufen muss. Tempo rausnehmen – durchatmen. Langsam finde ich in meinen Rhythmus hinein und bin ganz bei mir. Die Schritte werden kürzer und mit jedem Atemzug, scheint die Luft sich einen Weg in meine Lunge zu schneiden. Es ist bitterkalt.

Ich überquere die Straße und schaue auf meine Uhr. Noch immer viel zu schnell unterwegs, versuche ich mich zu bremsen und mir klar zu machen, dass es hier nicht um Bestzeiten geht, nur weil ich eine flatterhafte bunte Nummer an den Bauchnabel gepinnt habe.

Wenn du Einhörner auf der Straße laufen siehst, war das auf der Waffel bestimmt kein Puderzucker.

Kurz ein paar Piraten überholt, führt mich mein Weg leicht bergab. Ich jauchze laut auf. Das erste Ziehen macht sich in den Oberschenkeln bemerkbar und ich biege in einen kleinen Waldweg ab. Die Wege sind vereist und rutschig und so dauert es nicht lange, bis der kleine Flattermann einen Abflug macht.

Hinfallen, Aufstehen, Federn richten, Weitermachen.

Nach ungefähr drei Kilometern bibbern und zittern beschließe ich umzukehren und meine Strecke abzuändern. Ich schleppe mich zurück und spüre, wie mir langsam die Kälte meine Kräfte raubt. 16 Kilometer stehen auf meiner Uhr und ich kurz vorm Sprung über die nächste Klippe.

Es geht ganz leicht den Berg hinauf und ich bin froh, dass das Lächeln im Gesicht festgefroren ist und das laute Fluchen um mich herum niemand zu hören scheint. Während mein Zwerchfell langsam vor sich hinkrampft, versuche ich mir die ganzen fröhlichen Sprüche ins Gedächtnis zu rufen, wie toll doch das Laufen sei

„Laufen ist wie Kurzurlaub“ – Klar, wenn man auf Folterreisen steht ganz bestimmt

Mit jedem Meter, den ich mich voranschleife, wird mir schmerzlicher bewusst, dass ich es bei den Bedingungen viel zu schnell angegangen bin. Ich bin enttäuscht von mir und davon, dass ich mich als „Roadrunner“ nun vermutlich vollständig blamiert habe. Mit Seitenstechen und hängenden Flügelchen trotte ich weiter, während die Kilometer auf meiner Uhr kaum voranzuschreiten scheinen.

Nachhauseweg. Wie jedes Jahr erscheint mir der Rückweg an Weiberdonnerstag lang, schemenhaft und ist mit einigen „Ich habe keine Lust mehr – können wir nicht einfach ein Taxi nehmen“- Ausrufen verbunden. Innerlich kehrt langsam die Ruhe zurück und legt sich wie ein Grinsen auf meinen schmerzenden Körper. 20 Kilometer… Noch ein kurzer Schlusssprint. Ein Blick auf die Uhr – Geschafft!

…Und während mein Gesicht langsam wieder auftaut und ich es kaum erwarten kann, in meinen Berliner zu beißen, bin ich dankbar, diesen besonderen Tag so verbracht zu haben. Mit Sonne am Himmel und im Hätz.

Und fühle ganz tief in mir:

Nur zesamme sin mehr fastelovend.

*enthält unbezahlte Werbung und persönliche Empfehlungen

Wie hilfreich war dieser Beitrag?

Klicke auf die Sterne um zu bewerten!

Durchschnittliche Bewertung 5 / 5. Anzahl Bewertungen: 5

Bisher keine Bewertungen! Sei der Erste, der diesen Beitrag bewertet.

Weil Laufen fast so schön wie Fliegen ist – Und so mancher Sturzflug dazugehört

Beitragsnavigation


4 Gedanken zu „Weil Laufen fast so schön wie Fliegen ist – Und so mancher Sturzflug dazugehört

  1. Über deinen Start habe ich etwas mehr als schmunzeln müssen und am Ende so gut mit dir fühlen können.
    Ich glaube jeder Käufer kennt diese Thematik, voller Euphorie und Glückshormonen den Lauf einfach mal grandios falsch anzugehen, egal wie lange man schon läuft 😂.
    Großartige Idee, wunderschönes Erlebnis und eine glückliche Sara … was kann es besseres geben 😀👍🏻!

    1. Lieber René, danke für deine wunderschönen Worte 😀. Ich war vor dem Lauf auch tatsächlich etwas nervös, weil ich es immer ganz schwierig finde das Tempo bei einem Halbmarathon richtig einzuschätzen 🙈. Und ziemlich Glück, es am Ende geschafft zu haben 😀.

  2. Absoluter Respekt. Aber so kennen wir dich. Bunt, verrückt und manchmal wie ein Duracell Hase. Halt immer auf Touren 💨

    Toller Lauf, klasse Aktion und mega schöner Beitrag 💪🤗

    Weiter so.

    LG Marco

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.