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Stille. Ich fliege den Berg hinab – Meine Füße berühren kaum mehr den schlammigen Boden während ich mich Meter für Meter der Talsohle näher. Ich strahle von einem Ohr zum anderen, fühle mich frei und leicht. Der Blick auf meine Uhr verrät mir, dass ich in 30 m links abbiegen soll – oder rechts. Das weiß man ja nie so genau. Und während ich noch innerlich zähle, wie viel 30 Meter wohl in Zwergenschritten sind, wird mir schmerzlich bewusst, dass hier wohl kein Weg mehr kommen wird.

Regen – 4 Grad. Die Weste ist gepackt, die Jacke liegt bereit. Fehlt nur noch meine Uhr mit dem wertvollen Gut: Denn Brotkrumen waren gestern. Und selbst Kieselsteine sind passé. Stattdessen führen die Hänsel und Gretel der heutigen Zeit GPS-Tracks auf ihren Uhren mit sich und können so Strecken ablaufen, die ihnen andere Läufermenschen freundlicherweise zur Verfügung gestellt haben.

In meinem Fall war das Trampelpfadlauf, die auf www.trampelpfadlauf.de immer wieder Eintages- oder Mehrtagestouren anbieten und zu Lockdownzeiten ersatzweise Tourendaten zuschicken, um so dem lieben Läufer eine eigene kleine Trampelpfadtour zu ermöglichen. Herzensmenschen.

Das lasse auch ich mir nicht zweimal sagen und da ich noch immer auf der Suche nach dem Lebkuchenhaus der alten Hexe bin, bin ich bereit die Sache mit der modernen Technologie in Angriff zu nehmen – und mich in die Tiefen des dunklen Waldes zu begeben.

Einfach mal machen – könnte ja gut werden

Langsam setze ich mich in Bewegung. Der Weg führt über eine kleine Brücke auf einen breiteren Waldweg. Meine ersten Schritte fühlen sich federleicht auf dem von Regen durchtränkten Waldboden an. Ich hinterlasse verschmierte Fußabdrücke im tiefen Matsch, der den Weg wie noch flüssige Kuvertüre einen Brownieteig bedeckt. Es geht den Berg hinauf. Zwischen Häuserzeilen und Regendunst mache ich die ersten Baumkronen aus – Und kann den Ofen des Hexenhäuschens förmlich riechen.

Ein Männlein steht im Walde, ganz still und stumm.

Ich folge weiter dem Weg, beschwingt und stolz darauf, eine eigene kleine Entdeckerin zu sein. Bis mich mein „Ich warte oben auf dich“ jäh aus meinen Gedanken reißt. „Du bist falsch, wir müssen hier rein“, ruft es von hinten. Mit hängenden Öhrchen trotte ich zurück und schaue auf meine Uhr:

Auf meiner Garmin Fenix 5s ist auf dem weißen Hintergrundbildschirm mein Track zu sehen, ein großer Pfeil, der Norden markiert, ein kleiner Pfeil, der mir die Richtung angibt, in die ich laufen muss und ein kleiner lustiger blauer Punkt, der auf einer Straßenkarte den Titel „Du bist hier“ tragen würde. Unten auf dem Bildschirm steht die Distanz geschrieben, die ich dem aktuellen Weg folgen muss und in welche Richtung ich danach abbiegen soll.

Auf der Garmin Fenix 5 Plus von Ich-warte-oben sind hingegen auch viele kleine Wege eingezeichnet, ein Bachlauf skizziert und deutlich eine Kreuzung zu sehen, die ich gerade verpasst habe.

Na tolle Wurst

Mit hängenden Schultern schlurfe ich weiter und bereue, dass ich die Kieselsteine nicht doch in meine Weste gepackt habe. Ich atme tief ein. Die kalte Winterluft heftet sich an meine Nasenspitze und ich betrachte von oben den Nebel, der sich langsam auf den Hang legt. Nebeldurstende Zauberwelt.

Der Waldweg mündet auf eine asphaltierte Straße. Zwar zeigt mir meine Uhr auch hier keinen Weg, sondern nur die ungefähre Richtung an, allerdings ist eindeutig erkennbar, wo eine Straße anfängt und der Track aufhört. Wie auf einer Schlittschuhbahn geht es im tiefsten Matsch den Berg hinab. Und während ich jauchzend das eine oder andere Mal versuche, irgendwie mit beiden Füßen wieder auf dem Boden zu landen, verliert sich mein inneres Grollen im äußeren Strahlen.

Links zwo drei vier

Unter viel Geschnaufe schleppe ich mich den nächsten Hügel hinauf. Laufe über Äste und Steine und rutsche nicht selten auf den matschigen Trampelpfaden weg. Ich versuche mich wegzuträumen, versinke in meine Gedankenwelten über Weltgedanken. Immer wieder schaue ich auf den blauen Punkt, der sich fröhlich auf dem Batmanflügel fortbewegt. Nach einer Zeit bleibe ich stehen und lasse den Blick schweifen – Irgendwas stimmt nicht.

Winkend steht Ich-warte-oben diesmal am unteren Ende des Weges und begrüßt mich dort grinsend mit den Worten, er wollte mal gucken, wann bei mir eine Streckenabweichung angezeigt werden würde. Doch nichts – und das obwohl ich als erfahrende Kreisverkehr-Falschabbiegerin „Bitte wenden“ in jeder erdenklichen Variation kenne.

Das läuft ja wie am Schnürchen bei mir – zumindest dann, wenn die Schnur von einer Katze abgerollt wurde.

Ich laufe weiter den Berg hinab. Springe und tanze über große Äste und kleine Wurzeln. Treffe auf magische Zauberseen und kämpfe mit scharfkantigen Felsenklippen. Überwinde tosende Bäche und vereiste Pfützen. Schritt für Schritt erklimme ich Hügelwelten und bin mit meinen Gedanken ganz bei mir. Die Kilometer ziehen daher und ich verlasse mich mehr auf meine Intuition, als auf das verworrene Etwas auf meiner Uhr.

Wie ein Gefängnisinsasse der zu lange die Welt nur hinter dem tristen Grau einer angelaufenen Betonmauer erkennen konnte, erstrahlt für mich der Wald in den schönsten Farben. Bergab – bergauf. Immer wieder wechseln sich wunderschöne Singletrails mit etwas breiteren Fußwegen ab. Die kleine Fledermaus auf meiner Uhr nimmt mehr und mehr Gestalt an – das Ende ist nah. Noch einer kurzer Umweg, gefolgt von wilder Matscherei, die jeden Traubenstampfer in seinen Qualitäten herausgefordert hätte, mache ich mich auf den letzten Downhill zurück Richtung Startpunkt.

Und während ich mit wehenden Haaren und strahlenden Augen den Berg herunterlaufe, freue ich mich über den wunderschönen Tag. Und weiß:

Ein neuer Weg ist immer ein Wagnis. Aber wenn wir den Mut haben loszugehen, dann ist jedes Stolpern und jeder Fehltritt ein Sieg über unsere Ängste, unser Zweifel und Bedenken.

Jochen Mariss

*enthält unbezahlte Werbung und persönliche Empfehlungen

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Über die Brotkrumen der modernen Zeiten – Mein erster Lauf nach GPS-Track

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6 Gedanken zu „Über die Brotkrumen der modernen Zeiten – Mein erster Lauf nach GPS-Track

  1. So eine klasse Story. Und bei dem ganzen gerenne und gewende auch noch gut aussehen 😁👍 Das mit der Garmin kenn ich, dauert bis man es alles gerichtet hat. Ich trage die selbe am Arm 😉

    LG der Mann aus dem Schnee

    1. Dankeschön für deinen lieben Kommentar. Ich freue mich sehr darüber 😀. Ich glaube meine Uhr und ich müssen manchmal einfach noch bessere Freundeleute werden.

      Pass auf dich auf in der vereisten Schneewelt da draußen. Liebe Grüße

  2. Na wenn das kein Abenteuer war, dann weiß ich auch nicht mehr!
    Klingt nach einen ereignisreichen, abwechslungsreichen, spannenden Abenteuer abseits der üblichen Wege, Trampelpfade halt.
    Beim lesen fühlt es sich jedesmal so an, als würde ich mich an eine selbst erlebte Tour erinnern, so bildlich und lebendig 😀!

    1. Hallo René,
      danke für deine lieben Worte 😀. Es freut mich so sehr, dass du die Tour so für dich miterleben konntest. Es war für mich wirklich aufregend und ich muss noch vieles dazu lernen glaube ich 😄.
      Liebe Grüße, Sara

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