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Alle einsteigen und anschnallen, bitte – Eine neue Runde, eine neue Wahnsinnsfahrt

Laufveranstaltungen gibt es wie Sand am Meer. Oder wie Bäume im Wald – Mal ganz laut, mal ganz leise, aber immer zum verrückt werden schön. Neben schnellen Läufen in der Stadt, verträumten Trails im Wald und wahnwitzigen Downhills in den Bergen, gibt es aber auch die Art Veranstaltungen, die man nicht einordnen kann und die man in der Schule als „besonderes Kind“ beschreiben würde. Als Klassenclown unter den Veranstaltungen – oder eben einfach als Spaßläufe.

Spaßläufe werden gerne belächelt – aber so ist das eben manchmal wenn aus Spaß ernst wird und Ernst irgendwann 10 Jahre alt ist: Viele Leute die Leistung bringen möchten, haben für solche Veranstaltungen nicht viel übrig. Und doch haben sie ihre Berechtigung und sind gut so, wie sie sind – einfach, weil sie irgendwie anders sind:

An besonderen Orten oder zu denkwürdigen Zeiten. Mit Kostümen, mit Alkohol oder mit kostümierten Alkoholisierten. Mit besonderen Aufgabenstellungen, mit Hindernissen oder einfach mit ohne alles. Hauptsache Spaß zwischen den Backen und Freude unter den Sohlen.

Neben Inselläufen auf nicht ganz so einsamen Inseln, bunten Läufen durch die Nacht, weihnachtsmützigen Nikolausläufen, Hindernis-, Kostüm-, Fackel- und singenden Gruppenläufen, gab es da auch diese eine besondere Veranstaltung, die selbst für mich wahnwitziges Wesen fast an Wahnsinn grenzte. Oder um die Ziege zu zitieren:

Du bist wahnsinnig sagte die Ziege zum Bär und sprang auf und ab.

Das bin ich sagte der Bär. Doch es liegt Stärke im Wahnsinn.

Matthew Sturges in Schattenspäher

City Trail 2019 in Middelburg (Niederlande)

Autobahn – Stau. Das geht ja gut los. Kurz zuvor auf einem Banner entdeckt, stehe ich 5 min vor Startbeginn am Nachmeldetisch und weiß eigentlich gar nicht genau, wofür ich mich nachmelden möchte. Laufen will ich, das auf jeden Fall. Alles andere lasse ich mal auf mich zukommen.

Eingepfercht zwischen hunderten anderen Laufhungrigen zähle ich den holländischen Countdown auf deutsch herunter und laufe unter tosendem Gebrüll im Schritttempo los. In gemütlichen Tempo traben wir durch den Park – Kurve, Brücke,Vollbremsung!

Wie eine Ziehharmonika dötschen wir alle aufeinander, nur um uns direkt darauf wieder auseinander zu ziehen. Und warten…

Worauf wir warten weiß ich nicht, aber da alle hier stehen, wird das seine Gründe haben.

Im Schneckenlauftempo zieht unsere Karawane über die Tribüne der Sportanlage, durch die Umkleidekabinen, am Stadionsprecher vorbei und führt uns kurz darauf weiter in Richtung Stadt. Es ist ein warmer Sommertag, die Stimmung ist ausgelassen und obwohl ich nicht viel um mich herum verstehen kann, lache ich mit und erfreue mich an diesem besonderen Abend.

City Trail – Stadterkundungslauf. Aber da Holland eben Holland und nicht Deutschland ist, geht es hier etwas anders zu.

Wir laufen in ein riesiges Schulgebäude. In der Aula spielt die Schulband für uns, wir rennen an geschlossenen Klassenräumen und „Laufen verboten“ Schildern vorbei, in einen Speisesaal, in dem Familien arabische Leckereien für uns aufgebaut haben. Unter Trommelklängen und Jubelrufen laufen wir mit Weinblättern und Curryspießen bewaffnet weiter. Es geht an Spielgeräten vorbei und in eine riesige Industrie-Halle.

Ein Nachteil daran, wenn man kein holländisch spricht, ist sicherlich, dass man seine Pizza in Holland nicht ohne Zwiebeln bestellen kann. Oder aber auch, dass man bei einem holländischen Lauf die Schilder nicht versteht.

Während ich noch darüber grüble, was eine LOOP-Route sein könnte und innerlich mit Bowlingkugeln jongliere, laufe ich schon einen RUNDWEG an Spielautomaten der 60er Jahre vorbei, bewundere wunderschöne Oldtimer und habe ein buntes Getränk in der Hand, von dem ich hoffe, dass es nur ein Energy Drink ist. Glück gehabt!

Vollkommen orientierungslos folge ich der Kolonne in die Stadt. Durchgang hier, Tunnel da. Es geht durch Innenhöfe und über Bürgersteige in einen Gebäudekeller hinein. Nach wenigen Treppenstufen finden wir uns in einer Diskothek wieder, in der außer Musik noch nicht viel gebacken ist.

Nächster Stopp: Blumenhandlung. Zwischen Rosenduft, Sträußen und Gestecken, bekommen auch alle Läufer kurzerhand eine Blume in die Hand gesteckt. Und laufen kurz darauf breit strahlend durch die Küche eines Privathauses, in der der Hausbesitzer am Esstisch seinen Kaffee trinkt und uns nett zulächelt.

Abendprogramm mal anders.

Immer wieder liegen Gegenstände oder Getränke bereit, Musik erklingt in Häusern oder Straßen. Kurz nachdem mir jemand einen Ball zugeworfen hat, stehe ich mit anderen Läufermenschen in einem leeren Kirchengebäude, in der ein freundlicher Mitarbeiter Fragen beantwortet.

Da ich nicht viel verstehe und eigentlich auch gar nicht richtig weiß, wo ich bin, bleibt mir nichts anderes übrig als ziemlich dümmlich mit meinem Ball danebenzustehen und in die Kamera zu grinsen. Was sollte man auch sonst in einer Kirche tun?

Ich atme ein. Die Sonne steht schon tief, leuchtet mir ins Gesicht und taucht die Stadt in ein schönes Abendrot. Es riecht nach den letzten warmen Tagen im September und mich umfasst die besondere Stimmung eines lauen Sommerabends.

Neues Hochhaus, neues Glück. Unten halten die Mitarbeiter Süßigkeiten bereit, ein DJ legt eine Mischung aus Techno und Karnevalsmusik auf und mit Marshmallows und Gummibärchen in den Händen schleppen wir uns die Treppenabsätze hinauf. Es ist heiß und stickig, aber oben werden wir mit einer einmaligen Aussicht über die Stadt belohnt.

Drängen hier und rempeln da.

An einigen Anzugträgern vorbei, bin ich froh, als ich wieder in die kühle Abendluft trete und mir beim Hinauslaufen eine Sonnenbrille gereicht wird, die ich dankbar aufsetze. Über eine wundervoll mitschwingende Brücke laufen wir begleitet von einer Band auf einem Bötchen weiter.

Der Abend zieht ins Land und die Meter unter unseren Schuhsohlen daher. Als wir 9 km auf der Uhr stehen haben, führt uns die Strecke langsam zurück zum Startpunkt. Nassgeschwitzt, um einen Ball, eine Sonnenbrille und viele Eindrücken reicher, erreiche ich nach 10 km und gefühlt 1000000 Treppenstufen das Ziel. Bei Frikandel, Poffertjes und live Musik lasse ich den Abend ausklingen – und weiß, dass ich dem Wahnsinn nun ein Stück näher gekommen bin.

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Über den Spaßvogel unter den Veranstaltungen – mein verrücktester Lauf

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6 Gedanken zu „Über den Spaßvogel unter den Veranstaltungen – mein verrücktester Lauf

  1. Das klingt nach einem gigantischen Erlebnis, bei dem du dich hast einfach treiben lassen können und quasi hinter jedem Eck eine neue Überraschung erlebt hast. Es steht/stand weniger das sportliche im Vordergrund, als das gemeinsame „Erlebnis laufen“ und das klingt super aufregend, ein wohl mit Sicherheit unvergessliches Event 🤩!

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