5
(8)

Zoutelande, Oktober 2014 – Eingekuschelt in eine dicke Jacke stehe ich bei strahlendem Sonnenschein und Windstärke 1000 in Westkapelle am kleinen Leuchtturm und feuere hunderte erschöpfte Läufer an – Mit Schwämmen in der Hand und Salz im Gesicht. Sehe, wie sie in kurzen Klamotten mit letzter Kraft gegen den Wind ankämpfen. Und frage mich, warum zur Hölle sie so etwas tun.

Gleicher Ort – 7 Jahre später. Kilometer 35 – Bei strahlendem Regenschein und Windstärke eine Million kämpfe ich mich in kurzen Klamotten am kleinen Leuchtturm vorbei – Mit Gel in der Hand und Salz im Gesicht. Sehe, wie mich Menschen in dicken Jacken und mit Regenschirmen anfeuern. Und frage mich, warum zur Hölle ich so etwas tue.

Lasset die Sandspiele beginnen

Man nehme eine Prise Regen, einige Kilogramm Wind und einen Hauch Böen und fertig ist das Küstenklima.

Mit Startnummer, Kleiderbeutel und Knopfaugen stehe ich, diesmal nicht ganz so früh am Morgen, eingepfercht zwischen hunderten anderen Läufern am Fahrbahnrand und warte auf die Shuttle-Busse, die uns nach Burgh-Hamstede befördern werden – Zum Startpunkt des schönsten und schwersten Marathons Hollands (laut Veranstalter)

Der Küstenmarathon führt one way auf 42195 m von Burgh-Hamstede über die Delta-Werke durch Domburg bis nach Zoutelande entlang der Küstenlinie. Die Strecke führt circa 20 km über asphaltierte Fußwege, 10 km über losen Sandstrand und die übrigen Kilometer durch die Dünen, über Treppen und unbefestigte Wege (ca. 300 Höhenmeter)

Während ich bibber und zitter und überlege, ob man einen Marathon nicht auch im Schneeanzug laufen kann, spule ich immer wieder den Wetterbericht des heutigen Tages ab:

16 Grad – Windstärken bis 44km/h mit starken Böen – Regenwahrscheinlichkeit 90%. Meine Motivation ist im Keller. Das Wetter auch.

Nach langer Wartezeit bin ich endlich wieder dort, wo ich hingehöre: In einem Startblock. Lausche den sanften Klängen der holländischen Sprache, die vermutlich jedes Sandmännchen wach halten würden, zähle den Countdown, höre den Startschuss. Und trabe endlich mit pochendem Herzen und bebenden Schuhen der wilden Meute hinterher.

Überholen oder überholt werden – das ist hier die Frage

Ich laufe um die erste Kurve und stehe hupend im Stau. „Rien ne va plus“ würde der Spieler unter uns sagen. Um im Laufkontext zu bleiben, trifft es „Na das läuft ja – nicht“ vielleicht besser. Langsam und gemächlich setzt sich der Trott wieder in Bewegung. Wir laufen auf breiten und gut asphaltierten Fuß- und Radwegen, die sich spiralförmig der Küste nähern. Und während die Flaggen in alle Richtungen treiben, tun es ihnen die Läufer gleich ehe jeder seinen Platz gefunden hat.

Taktikspielerei

Je näher wir der Küste kommen, desto stärker wird der Wind, der uns ins Gesicht peitscht. Und da der Mensch ein Rudeltier ist, geht es eingerudelt zwischen anderen Läufern dem Pulk im Windschatten hinterher. Ähnlich wie bei einem Radrennen, laufen wir in Trauben über die Deltawerke. Als sich die Pace mehr und mehr dem für mich heute deklariertem Schneckenbereich nähert, beschließe ich auszubrechen. Mein eigenes Ding zu machen. Und zur nächsten Lauftraube aufzuschließen.

Unter lautem Gebrüll stoße ich aus der Menge hervor, nur um kurz darauf vom Wind jäh ausgebremst zu werden. Tolles Ding. Wie ein gescheiterter Held kämpfe ich mich weiter voran und beginne von Traube zu Traube zu laufen.

Kilometer 9 – It’s raining men

In der Hoffnung, dass ich nur irgendwelche Körperflüssigkeiten meiner Vorderläufer abbekommen habe, will ich noch nicht wahrhaben, dass der Wetterfrosch recht hatte: Es beginnt zu regnen. Nach kurzer Zeit klitschnass, lächel ich zwischen zwei Tropfen der riesigen Menge an Zuschauern zu, die trotz der widrigen Bedingungen am Rand stehen und feiern. Obwohl ich äußerlich lächel, habe ich das Gefühl nicht in den Lauf hineinzufinden. Fühle mich matt und leer, die Beine müde.

Willkommen im Sumpfsand

Erst als es nach 20 Kilometern in den tiefsten Sumpfsand geht, kehrt mit einem Mal Ruhe ein. Innerlich und äußerlich. Der Wind setzt für einen Moment aus – Und auch in meinem Kopf beginnt sich das Chaos zu lichten. Jenseits der Schneckentempo Pace sinke ich im tiefen Sand ein – werde von einer Vielzahl von Läufern überholt. Ich nähere mich dem schmalen Streifen, der vor der Flut überspült wird und damit leichter laufbar ist und hinterlasse zwischen Quallen und Wellen meine Spuren im Sand. Werde bald darauf von den Vier-Stunden-Pacern überspült.

Immer wieder führt uns der Weg vom Meer weg durch den weichen Küstensand. Ich versuche mich nicht verunsichern zu lassen. Die Schritte sind schwerfällig, das T-shirt klebt wie nass gewordenes Esspapier an meiner Haut. In meinen Ohren rauscht der Wind, das Meer, das Blut. Und mit ihm die Hoffnung, es bald geschafft zu haben.

Bei Kilometer 29 verlassen wir den Strand. Unter dem Getöse von Blaskapellen und Zuschauern laufe ich weiter über die Dünen. Immer wieder stehen andere Teilnehmer mit Krämpfen am Rand.

Alle fünf Kilometer gibt es Verpflegungspunkte mit Wasser, Schwämmen und einem isotonischen Getränk. An den letzten VP’s auch Bananen, schwarzen Tee und als mein absolutes Highlight Cola.

Der schwerste Teil der Strecke

Bei Gegenwind des Todes kämpfe ich mich über losen Schotter durch Dünenwelten weiter. Laufe Treppen auf und ab, tapse in weiche Sandmulden. Obwohl meine Pace jenseits von gut und böse ist, zieht sich ein breites Lächeln durch meinen Kopf. Seit ich ein kleiner Hollandfan bin, stehe ich Jahr für Jahr am Rand. Bewunder die Heldenmenschen, die sich Wind und Regen entgegensetzen. Und bin nur selber hier, gesund und frei. Ich überhole immer mehr Läufer und obwohl mir die Windwand zusetzt, fange ich immer breiter an zu Strahlen. Laufe am kleinen Leuchtturm vorbei und mache mich kurz darauf auf zum höchsten Punkt des Kustmarathon.

Sandbuddeln – Hürdenlaufen. Ein letztes Mal führt mich die Strecke durch den Sand und anschließend durch die jubelnde Menge an Zoutelande vorbei. Ich bekomme eine Fahne zugesteckt, die ich hoch erhobenen Hauptes wie ein stolzer Fackelträger vor mir hier schwenke. Und erreiche erleichtert und mit einem Herzen voller Freude nach 4 Stunden und 4 Minuten die sandige Ziellinie.

Ein unvergesslicher Herzmoment.

Fotos: Offizielle Seite des Kustmarathon Zeeland https://www.marathonzeeland.nl

Wie hilfreich war dieser Beitrag?

Klicke auf die Sterne um zu bewerten!

Durchschnittliche Bewertung 5 / 5. Anzahl Bewertungen: 8

Bisher keine Bewertungen! Sei der Erste, der diesen Beitrag bewertet.

Kustmarathon Zeeland – Hollands schönster und schwerster Marathon und ich.

Beitragsnavigation


8 Gedanken zu „Kustmarathon Zeeland – Hollands schönster und schwerster Marathon und ich.

  1. Glückwunsch zu der super Leistung. Nach dem Lesen von deinem Beitrag ist das Intresse geweckt worden, auch wenn die Bedingungen bestimmt besser sein könnten.

  2. Glückwunsch zum Finish!

    Das hast du aber sehr schön geschrieben. Macht wirklich Lust, da auch mal mit zu rennen. Auf Baltrum und Langeoog bin ich auch schon mal wettkampftechnisch unterwegs gewesen, aber dort natürlich aufgrund der Größe nur Kurzstrecke. Wind gibt’s aber auch. 🙂

      1. Der auf Langeoog war nicht so toll. 😀
        Am Strandabschnitt haben sie einen Streckenposten eingespart. Ergebnis: Die führende Gruppe (in der ich auch war) ist ein Strandabgang zu früh abgebogen. Auf unsere Beschwerde meinte der Organisator: „Was habt ihr denn? Wir laufen doch immer da lang!“
        Muss man also wissen, wenn man das erste Mal auf der Insel ist.

        Seit dem fahren wir nur noch Baltrum. Aber das hat eigentlich andere Gründe. 😀

        Dir auch ein schönes Wochenende!

        1. Das ist aber eine lustige Geschichte 😄. Sowas ähnliches ist mir bei dem Kölner Herbstlauf letztes Jahr passiert, als danach Hinz und Kunz verwirrt waren, wie man sich verlaufen kann, weil es doch 4x die selbe Runde ist 😄🤪. Wenn man in der ersten Runde aber vergisst, den Weg zu sperren… Jedenfalls wünsche ich dir weiterhin tolles Inselvergnügen 😀

  3. Wow, toller Laufbericht. Fast habe ich den Wind selbst gespürt. Und die Anstrengung, als du durch den Sand gelaufen bist. Vielleicht laufe ich ja auch mal in Holland einen Marathon oder einen Halben. Die Stimmung soll in Holland ja riesig sein.

    Liebe Grüße
    Andrea

    1. Oh vielen Dank für die tollen Worte. Das bedeutet mir ganz viel 🥰❤️. Danke! Ich kann Läufe in Holland wirklich empfehlen. Die Menschen sind so offen und herzlich und die Veranstaltungen waren bisher alle top organisiert 😀👍.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.